Mittwoch, 10. August 2011

Teil I – Der Flug oder In der Zeit könnte man sich auch einen Bart wachsen lassen.

Der Start meines Trips war direkt wegweisend: Ich durfte nämlich warten und mich in paciencia, Geduld, üben.
Schon an der Sicherheitskontrolle, die ich von Europaflügen als verhältnismässig zackig in Erinnerung habe, musste ich eine geschlagene halbe Stunde warten. Nun gut. Weiter ging´s am Gate, dort wartete ich erneut eine halbe Stunde, da mir am Schalter der Kofferaufgabe kein Sitz zugewiesen worden war. Das heisst, während alle anderen schon in die Shuttlebusse stiegen, stand ich da wie bestellt und nicht abgeholt. Im Bus selbst ging es dann nicht anders weiter: wir warteten wieder 20 Minuten, bis der Bus endlich, drei Minuten vor der geplanten Abflugzeit, in Richtung Flieger rollte. Endlich im Flugzeug sitzend mussten die Passagieren warten, klar. Zwischenzeitlich wurde uns ein Video mit den Sicherheitshinweisen gezeigt, in das Condor Elvis Presley, Winnetou, Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, die Queen und Neil Armstrong eingebaut hatte. Einen kräftigen Applaus bitte für so viel Originialität. Himmel, Arsch und Zwirn sag ich dazu nur.
Dann kamen mehrere Durchsagen des Piloten, die uns darüber informierten, warum die Boeing noch stand: Weder hatte man die Container, die unser Gepäck enthielten, sicher befestigt, noch war der Trinkwassertank aufgefüllt worden. Da bekommt man doch ein tiefgehendes Vertrauen in die Airline. Mit 80minütiger (!!) Verspätung ging es erst los.
Neben mir sass ein älterer Schweizer Herr, der zwar wirklich freundlich war, leider aber ein furchtbares Pappmaul und wirklich schlimmen Mundgeruch hatte. Dementsprechend bemühte ich mich, die Konversation so knapp wie möglich zu halten. Er erzählte mir, dass er oft geschäftlich in Havanna sei, dort eine Wohnung habe und bot mir an, dass sein Chauffeur mich in die City mitnehmen könne. Sein dezentes, aber kontinuierliches Schmatzen sollte mich, später zum Glück einigermassen vom Fluglärm übertönt, während des ganzen Fluges begleiten.
Wahrhaftes Entsetzen rief der Moment in mir hervor, als der Steward, der ganz zu Beginn Gin Tonic, Wodka und Campari Orange verteilte, meine Sitzreihe einfach ignorierte und ich somit auf dem Trockenen sass. Wie soll man DAS nur verkraften?!
Um 20:40 Ortszeit, 2:40 in Deutschland, landeten wir endlich.
Am konservenbüchsenartigen Flughafen angekommen, durfte ich mich erneut in eine Schlange einreihen. Ich hatte das Warten auf etwas schon wirklich vermisst! Die Beamtinnen, die in kleinen “sozialistischen” Kabinen arbeiteten, kontrollierten sämtliche Dokumente aller Einreisenden. Dem Überwachungsstaat sei Dank durfte man auch für ein Passphoto posieren. Diese Barriere endlich überwunden, kam direkt danach natürlich die nächste Hürde: die Gepäckausgabe schon in Sicht musste man ein Formular über sämtliche Krankheiten und samt aktueller Adresse in Kuba ausfüllen. Da zwei Mal Warten nicht genu g sind, durfte ich dann auch auf meinen Rucksack warten. Herrlich. Diesen fand ich später dann irgendwo auf den Boden geschmissen und zu meiner unermesslichen Freude klitschnass vor.
Endlich in der Eingangshalle hatten sich vor den Geldwechselstuben unbeschreiblich lange Schlangen gebildet. Mit inzwischen stoischer Gelassenheit stellte ich mich hinten an. Warten. Da kam plötzlich der Schweizer auf mich zu, der mich gesucht hatte, um mich in die Stadt mitzunehmen. Er versicherte mir, dass man auch um diese Uhrzeit dort noch Geld wechseln könne.
Und so befand ich mich kurze Zeit später in einem riesigen Auto, das vorsichtig geschätzt aus den 60er Jahren war, einer Marke, die ich nicht kannte und mit herrlich babyblauer Lackierung. Die ganze Fahrt über hatte ich das dumme Gefühl, diese Schrottkarre würde mitten auf der Autobahn in alle Einzelteile zerfallen, aber sie hielt. Das Auto war gross genug, um bequem sechs Leute zu beherbergen. Besagter Schweizer nahm die Hand einer kubanischen Frau, die um einiges jünger und hübscher war als er. Dem Gespräch konnte ich entnehmen, dass er ihr erst kürzlich 300 Euro überwiesen hatte und dies schien nichts Aussergewöhnliches zu sein. Ohne irgendetwas suggerieren zu wollen soll sich jeder von euch seine eigenen Gedanken zu dieser Geschichte machen.
Mit diesem Auto, das schätzungsweise nicht viel mehr als 60 km/h fuhr (die Anzeige war natürlich kaputt), krochen wir langsam nach Havanna. Im Hotel Naciónal wollten wir Euro in kubanische Pesos, CUC, wechseln. Dort angekommen sagte mir die Frau an der Kasse, dass sie das nur für Gäste täten. Auf meine wiederholten Bitten, sie möge mir doch zumindest 20 Euro wechseln, weil ich gar nichts hätte, meinte sie nur lakonisch: “Die Banken machen doch morgen früh auf.” Sie liess sich nicht erweichen, also gab ich auf.
Das eine Mädchen in unserem Auto, eine Kubanerin namens Heidi, gab mir ihre Handynummer, falls ich Hilfe bräuchte und speicherte auch meine ab, obwohl ich nur eine deutsche Nummer hatte. Erinnerte mich ein bisschen an die Leute, die Gott und die Welt in Facebook adden, nur um viele “Freunde” zu haben. Ein anderer aus dem Auto machte mir einen Heiratsantrag mit der Aussage, er würde für mich kochen, putzen, Wäsche waschen… Wäre ja ein verlockendes Angebot gewesen, wenn er auch nur einen Hauch grösser als 1,30 m gewesen wäre.
Schliesslich fuhren sie mich endlich zu dem Platz, an dem ich mich mit meiner Freundin verabredet hatte. Ein Securitymann brachte mich “heil” bis zum Restaurant, natürlich nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern für das Trinkgeld, das er von meiner Freundin bekam. Mit einer Stunde Verspätung war ich endlich angekommen und konnte mir einen wohlverdienten Mojito bestellen, auf den ich auch gar nicht lange zu warten hatte.   

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