(Im Zusammenhang mit dem kürzlich geposteten Essay über den negativen Einfluss von Medien..)
2003, 416 Seiten
2003, 416 Seiten
Bewertung: 8 von 9 Punkten
In den letzten zehn,
fünfzehn Jahren sind Amokläufe inbesondere an Schulen weltweit zu
einem wichtigen Thema geworden. Lionel Shriver eröffnet in ihrem
Briefroman "We Need To Talk About Kevin" eine ganz neue
Perspektive: Weder Täter noch Opfer stehen im Vordergrund, sondern
die Mutter des Täters fungiert als Protagonistin.
Inhalt
Wenige Tage vor seinem
16. Geburtstag vollzieht Kevin die seit langem von ihm geplante Tat:
Er bringt neun Menschen an seiner High School um, sieben Schüler,
eine Lehrerin und einen Schulmitarbeiter. Jetzt sitzt Kevin in einem
New Yorker Gefängnis – und bereut nichts. Seine Mutter Eva
schreibt ihrem Mann und Kevins Vater Franklin ausführliche Briefe.
In diesen berichtet sie von der aktuellen Situation, ihren Besuchen
im Gefängnis, ihrem veränderten Leben, wie sie lernt, mit ihrem
Gewissen und der unfreiwilligen Einsamkeit umzugehen und über die
Schwierigkeit, durch ihren ungewöhnlichen Nachnamen immer wieder als
die Mutter von "KK" erkannt zu werden.
Gleichzeitig reflektiert
sie chronologisch über ihr gemeinsames Leben, vom dem Tag an, an dem
sie ihren Mann Franklin kennenlernt, der unbedingt ein Kind möchte,
während Eva selbt eigentlich dagegen ist. Dennoch wird Kevin geboren
und wirkt von klein aus anders als andere Kinder, kälter,
manipulativer. Franklin selbst sieht das nicht und so provoziert
Kevin immer stärkere Differenzen zwischen dem Ehepaar und schafft es
dadurch, die Liebe zwischen Franklin und Eva zu zerstören. Nicht
einmal die Geburt seiner kleinen Schwester kittet die Familie wieder
zusammen.
Je älter Kevin wird,
desto grausamer wird auch sein Verhalten, das seinen Höhepunkt in
der Tat, die mit "Donnerstag" umschrieben wird, findet. Eva
muss sich jetzt fragen, ob sie, die schon früh die bösartige Natur
ihres Sohnes erkannte, den Amoklauf nicht hätte verhindern können.
Review
Um nicht lange um den
heißen Brei herumzureden: "We Need To Talk About Kevin"
ist ein großartiges Buch!
Wenige Jahre nach dem
berühmten Columbine-Massaker veröffentliche Lionel Shriver 2003
ihren Roman, der eine ganz neue Perspektive einnimmt. Fiktionale
Romane, die die Sichtweise der Opfer erläutern gibt es viele, einige
beschreiben die Tat auch aus der des Täters, doch die Eltern in den
Mittelpunkt zu rücken ist relativ ungewöhnlich. Sehr angenehm ist,
dass Shriver dabei nicht den leichten Weg wählt und den Eltern
einfach die Schuld zuschiebt, sondern den Werdegung zum Attentäter
schrittweise beschreibt, der Eva und Franklin zwar nicht jeglicher
Verantwortung entbindet, sie aber trotzdem auch nicht anprangert. Das
einzige, was mir etwas fragwürdig vorkam, war die Tatsache, dass
Kevin quasi maliziös und niederträchtig geboren wurde und sich
nicht durch sein Umfeld und die Sozialisation (beispielsweise
mangelhafte Anerkennung in der Schule o.ä.) entwickelt. Wenn man
davon aber absieht, ist die Kindheit und Jugend Kevins logisch
dargelegt.
Fast noch interessanter
sind sowieso die Auswirkungen seiner Handlung und Kevins eigene
Reaktion darauf. Anstatt Reue zu zeigen, ärgert er sich vielmehr
darüber, dass Klebold und Harris, die Täter des
Columbine-Amoklaufs, nur wenige Tage nach ihm töteten und durch die
höhere Anzahl der Opfer einen viel größeren Berühmtheitsstatus
erlangten. Auch wenn es möglicherweise auf einige Leser makaber
wirkt, so verwindet Lionel Shriver auf äußerst geschickte Art und
Weise faktuale Erlebnisse mit ihrer erfundenen Geschichte.
Bis zur letzten Seite
bleibt das Buch durch die beklemmende Stimmung hochspannend und
fesselnd bis zum großen Knall am Schluß.
Den Vorwurf der
Unsensibilität kann man der Autorin nicht machen. Unglaublich
einfühlsam und psychologisierend werden Ereignisse wie Akteure
beleuchtet und grenzt sich somit von Romanen wie "Neunzehn
Minuten" von Jodi Picoult, der auch sehr spannend aber doch
etwas unreflektierter ist, ab.
Das Buch löste in der
Öffentlichkeit eine große Kontroverse aus, wurde im Allgemeinen von
den Kritikern aber sehr positiv aufgenommen.
Fazit
Lionel Shriver als eine
Virtuose des Spannungsaufbaus zu bezeichnen wäre fast noch
untertrieben.
"We Need To Talk
About Kevin" ist ein schockierendes Buch, das sowohl mitfühlend,
jedoch ohne jemals belehrend zu wirken, als auch intensiv und packend
geschrieben ist. Die Besonderheit macht die mütterliche Perspektive
aus, die sowohl in Berichterstattungen über wahre School Shootings
als auch in der Literatur normalerweise gänzlich in den Hintergrund
rückt.
"But if I was so
all-fired responsible, why did I still feel so helpless?"
Ursprünglich geschrieben für und veröffentlich auf myFanbase.de
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