Thursday, March 29, 2012

Lionel Shriver - We Need To Talk About Kevin

(Im Zusammenhang mit dem kürzlich geposteten Essay über den negativen Einfluss von Medien..)

2003, 416 Seiten


Bewertung: 8 von 9 Punkten


In den letzten zehn, fünfzehn Jahren sind Amokläufe inbesondere an Schulen weltweit zu einem wichtigen Thema geworden. Lionel Shriver eröffnet in ihrem Briefroman "We Need To Talk About Kevin" eine ganz neue Perspektive: Weder Täter noch Opfer stehen im Vordergrund, sondern die Mutter des Täters fungiert als Protagonistin.


Inhalt

Wenige Tage vor seinem 16. Geburtstag vollzieht Kevin die seit langem von ihm geplante Tat: Er bringt neun Menschen an seiner High School um, sieben Schüler, eine Lehrerin und einen Schulmitarbeiter. Jetzt sitzt Kevin in einem New Yorker Gefängnis – und bereut nichts. Seine Mutter Eva schreibt ihrem Mann und Kevins Vater Franklin ausführliche Briefe. In diesen berichtet sie von der aktuellen Situation, ihren Besuchen im Gefängnis, ihrem veränderten Leben, wie sie lernt, mit ihrem Gewissen und der unfreiwilligen Einsamkeit umzugehen und über die Schwierigkeit, durch ihren ungewöhnlichen Nachnamen immer wieder als die Mutter von "KK" erkannt zu werden.
Gleichzeitig reflektiert sie chronologisch über ihr gemeinsames Leben, vom dem Tag an, an dem sie ihren Mann Franklin kennenlernt, der unbedingt ein Kind möchte, während Eva selbt eigentlich dagegen ist. Dennoch wird Kevin geboren und wirkt von klein aus anders als andere Kinder, kälter, manipulativer. Franklin selbst sieht das nicht und so provoziert Kevin immer stärkere Differenzen zwischen dem Ehepaar und schafft es dadurch, die Liebe zwischen Franklin und Eva zu zerstören. Nicht einmal die Geburt seiner kleinen Schwester kittet die Familie wieder zusammen.
Je älter Kevin wird, desto grausamer wird auch sein Verhalten, das seinen Höhepunkt in der Tat, die mit "Donnerstag" umschrieben wird, findet. Eva muss sich jetzt fragen, ob sie, die schon früh die bösartige Natur ihres Sohnes erkannte, den Amoklauf nicht hätte verhindern können.


Review

Um nicht lange um den heißen Brei herumzureden: "We Need To Talk About Kevin" ist ein großartiges Buch!
Wenige Jahre nach dem berühmten Columbine-Massaker veröffentliche Lionel Shriver 2003 ihren Roman, der eine ganz neue Perspektive einnimmt. Fiktionale Romane, die die Sichtweise der Opfer erläutern gibt es viele, einige beschreiben die Tat auch aus der des Täters, doch die Eltern in den Mittelpunkt zu rücken ist relativ ungewöhnlich. Sehr angenehm ist, dass Shriver dabei nicht den leichten Weg wählt und den Eltern einfach die Schuld zuschiebt, sondern den Werdegung zum Attentäter schrittweise beschreibt, der Eva und Franklin zwar nicht jeglicher Verantwortung entbindet, sie aber trotzdem auch nicht anprangert. Das einzige, was mir etwas fragwürdig vorkam, war die Tatsache, dass Kevin quasi maliziös und niederträchtig geboren wurde und sich nicht durch sein Umfeld und die Sozialisation (beispielsweise mangelhafte Anerkennung in der Schule o.ä.) entwickelt. Wenn man davon aber absieht, ist die Kindheit und Jugend Kevins logisch dargelegt.
Fast noch interessanter sind sowieso die Auswirkungen seiner Handlung und Kevins eigene Reaktion darauf. Anstatt Reue zu zeigen, ärgert er sich vielmehr darüber, dass Klebold und Harris, die Täter des Columbine-Amoklaufs, nur wenige Tage nach ihm töteten und durch die höhere Anzahl der Opfer einen viel größeren Berühmtheitsstatus erlangten. Auch wenn es möglicherweise auf einige Leser makaber wirkt, so verwindet Lionel Shriver auf äußerst geschickte Art und Weise faktuale Erlebnisse mit ihrer erfundenen Geschichte.
Bis zur letzten Seite bleibt das Buch durch die beklemmende Stimmung hochspannend und fesselnd bis zum großen Knall am Schluß.

Den Vorwurf der Unsensibilität kann man der Autorin nicht machen. Unglaublich einfühlsam und psychologisierend werden Ereignisse wie Akteure beleuchtet und grenzt sich somit von Romanen wie "Neunzehn Minuten" von Jodi Picoult, der auch sehr spannend aber doch etwas unreflektierter ist, ab.
Das Buch löste in der Öffentlichkeit eine große Kontroverse aus, wurde im Allgemeinen von den Kritikern aber sehr positiv aufgenommen.


Fazit

Lionel Shriver als eine Virtuose des Spannungsaufbaus zu bezeichnen wäre fast noch untertrieben.
"We Need To Talk About Kevin" ist ein schockierendes Buch, das sowohl mitfühlend, jedoch ohne jemals belehrend zu wirken, als auch intensiv und packend geschrieben ist. Die Besonderheit macht die mütterliche Perspektive aus, die sowohl in Berichterstattungen über wahre School Shootings als auch in der Literatur normalerweise gänzlich in den Hintergrund rückt.

"But if I was so all-fired responsible, why did I still feel so helpless?"


Ursprünglich geschrieben für und veröffentlich auf myFanbase.de

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