Freitag, 17. August 2012

Bahnhofsviertelnacht 2012

Das Bahnhofsviertel ist im Moment Frankfurts Paradebeispiel für die inzwischen viel diskutierte Gentrifizierung. Dies liess sich an der fünften Auflage der Bahnhofsviertelnacht gestern, am 16. August, deutlich ablesen. Jedes Jahr strömen mehr und mehr Touristen und Frankfurter, die sich entweder nie in das Viertel trauten oder es inzwischen als "cool" erachten, zur Bahnhofsviertelnacht in das Quartier. Es war proppevoll und überall liefen Grüppchen mit Führungen durch die Straßen. Die Hipster und Künstler sammelten sich in großen Trauben vor den Szeneläden Plank, 25h Hotel/IMA und Walon & Rosetti.

Meine erste Station war das Doña Carmen in der Elbestraße. Die boten verschiedene Veranstaltungen an, für die man sich ab 19:00 Uhr anmelden konnte. Die definitiv interessanteste darunter war eine Führung durch zwei Bordelle, das Crazy Sexy und Eros Center. Leider war ich nicht die einzige, die so dachte. Als ich kurz nach halb sieben ankam, war die Schlange schon einen halben Block lang bis auf die Taunusstraße. Den Gesprächen um mich herum konnte ich entnehmen, dass die Anfrage auf den Tabledance-Schnupperkurs im Pure Platinum höher war. Trotzdem wurde um 19:15 verkündet, dass auch die Laufhausführung voll war. Schade! Gerüchteweise standen die ersten schon seit 17:00 in der Schlange. Vormerken für nächstes Jahr!
Also beeilte ich mich, in die Kaiserstraße zur Freimaurerloge zu gehen, in der Hoffnung, zumindest für die 21:30-Führung gäbe es noch Karten. Dem war natürlich nicht so. Trotzdem, was man generell von dem Gebäude im Hinterhof sehen konnte, war sehr imposant.
Danach gab ich Veranstaltungen mit festen Zeitrahmen auf und ging in das Drogenberatungszentrum La Strada in der Mainzer Landstraße. Darüber folgt ein ausführlicher Artikel, das war nämlich richtig klasse!
Auch die Moschee Merkez in der Moselstraße konnten Besucher aufsuchen. Sie befindet sich in einem Hinterhaus im ersten Stock, in den eine schön verziertes Mosaiktreppenhaus führt. Im Vorraum war ein großes, ungefähr 1,80 hohes Regal für die Schuhe. Wir wurden darum gebeten, die Schuhe noch im Treppenhaus vor dem Vorraum auszuziehen. Der Gebetsraum selbst war ein sehr länglicher, mit Teppich ausgelegter, absolut heißer Saal. Ein junger Türke erklärte gerade die fünf Säulen des Korans und ihre Bedeutung. Kurz nach meiner Ankunft mussten alle aber wieder raus, da wir uns am Ende des Ramadans befinden und das regelmäßige Gebet näher rückte.
Gegen spätere Stunde fand das eigentliche Fest bei gutem Wetter auf der Straße statt. Viele Bars und Restaurants und auch das Cream, Frankfurts ältestes Musikfachgeschäft, boten Livemusik an. Das Cream hatte zu beiden Seiten seines Eingangs kleine Bühnen aufgebaut und die Zuhörer versorgten sich mit Bier aus den umliegenden Kiosks. Bald schon war es eine echte Glückssache, ob man noch ein kaltes bekam. Um halb 12 Uhr nachts kreischte eine nicht mehr ganz junge Frau aus dem Publikum ins Mikro "Schatziiii! Ich liebe dich seit acht Jahren und kann mir ein Leben nicht mehr ohne dich vorstellen!" und machte ihrem "Schatzi" dann einen Heiratsantrag. Schatzi kam gezwungenermaßen auf die Bühne und unter dem Jubel der Umstehenden und den Klängen zu "You are so beautiful to me" der Band verlobten sich die beiden. 
Noch kurioser ging es vor dem Café Luna in der Niddastraße zu. Eine Wannabe-Courtney Love in furchtbarer Leggins sang bekannte Rocksongs und sprang und wälzte sich zwischen zerbrechenden Bierflaschen auf einem Tisch, als würde sie gerade einen Exorzismus betreiben, während die Männer grölten und sie mit Bier bespritzten.

Das war die Bahnhofsviertelnacht 2012. Heute und morgen findet das bisher immer enttäuschende Kaiserstraßenfest statt. 
















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