Freitag, 17. August 2012

Portrait: La Strada

Das La Strada in der Mainzer Landstraße 93 ist ein Zentrum für Drogenhilfe und AIDS-Prävention mit Druckraum. Im Rahmen der Bahnhofsviertelnacht konnten Interessierte La Strada besuchen und sich informieren. Mehrere freundliche Mitarbeiter erklärten ausführlich, wie der Alltag in dem Drogenzentrum aussieht und beantworteten alle Fragen.

La Strada gibt es ist 1990 und ist die Nachgängereinrichtung des Café Ruhdolf, das zwei Straßen weiter war. Insgesamt arbeiten 40 Leute hier in Tag- und Nachtdiensten, die sich aus studentischen Hilfsarbeitern, die um die 80 Stunden im Monat in La Strada sind, Ärzten, Sozialarbeitern und -pädadogen auseinandersetzen. Ehrenämtler arbeiten nicht mehr dort. Die Studenten sind gewöhnlich aus den Fachbereichen Soziales, Pädagogik und ähnlichem, aber nicht zwangsläufig. Ein Medienwissenschaftenstudent beispielsweise inszenierte im Vorjahr während der Bahnhofsviertelnacht eine Theatervorstellung im Vorraum.
Drogensüchtige bekommen im La Strada einen sicheren Raum und sauberes Besteck gestellt, um das Risiko einer HIV-Infizierung zu vermindern und den Konsum zu entkriminalisieren. Im Falle einer Überdosis kann sofort erste Hilfe geleistet werden. Dazu sitzt eine studentische Hilfskraft im Druckraum und überwacht den Konsum. Außerdem kann man sich kleinere Wunden behandeln lassen. Menschen, die stationär behandelt werden möchten in Entgiftungskliniken oder ähnlichen Einrichtungen, können sich an die Mitarbeiter wenden und werden dann beraten und vermittelt. Obdachlose dürfen sich ein Postfach einrichten, um Herr der Bürokratie zu sein. Die Entgiftung ist aber keine Bedingung für die Benutzung des Druckraums, sondern jedem als Entscheidung selbst überlassen. Es mag vorkommen, dass einer der Mitarbeiter den regelmäßigen Besuchern, wenn sich der Zustand offensichtlich innerhalb kürzester Zeit radikal verschlechtert, nochmal an das Angebot erinnert, generell ist das aber freiwillig und muss von den Süchtigen selbst aus kommen.
Die Besucherzahlen sind abhängig von vielen Faktoren und schwanken stark. Zu Monatsbeginn, da die Klienten mehr Geld haben, ist höherer Verkehr sowie in den kälteren Monaten. Die Benutzer pendeln zwischen den verschiedenen Druckräumen. Wenn zum Beispiel ein Sozialarbeiter mehr Grenzen setzt als der andere kann es sein, dass La Strada von dem Betroffenen für eine Zeit lang gemieden wird. Es gibt aber einen festen Kern an Menschen, die oft kommen, die die Einrichtung als eine Art Ersatzfamilie und Zuhause sehen. Oft gibt es aber auch Besuch von außerhalb. Aus Bayern kommen öfter Abhängige, die Spritzen tauschen. Beim Erstbesuch in La Strada bekommt man vier Utensilien: zwei Rückteile und zwei Nadeln, bei jedem weiteren Besuch müssen benutzte Nadeln mitgebracht werden, um sie gegen saubere zu tauschen. Generell ist der Besuch aber eher rückläufig. Während früher in Hochzeiten um die 180 Klienten am Tag kamen, sind es heute eher 60-80 bis maximal 120-130. Gut besucht sind immmer die Notschalfstellen, die ab 20:00 Uhr geöffnet sind. Es gibt insgesamt 23 Plätze; 14 für Männer und 9 für Frauen.
Die Finanzierung der Einrichtung obliegt zu einem Drittel dem Land Hessen und zu zwei Dritteln der Stadt Frankfurt. Die Stadt Frankfurt unterstützt weitere Druckräume und Beratungseinrichtungen wie etwa das bekannte Eastside im Osthafen, das die größte Einrichtung dieser Art in ganz Europa ist.
Im La Strada gibt es keine Security. Es stand zwar mal zur Diskussion, wurde aber schnell wieder verworfen, da die Anwesenheit eines Securitys einerseits abschreckend wirken, andererseits sogar Aggressionen schüren könnte. Wenn es zu einem eskalierenden Konflikt auf der Straße kommt, wird die Polizei gerufen, im Café des La Strada selbst sind es die Mitarbeiter, die gefährliche Situationen entschärfen. In einer Schicht sind mindestens fünf, besser sechs Menschen, die aus zwei Sozialarbeitern und vier Studenten bestehen. Einer der Studenten sitzt vor der Einrichtung, um die Leute zu begrüßen, Neuankömmlingen die Hausregeln - man darf keine Waffen offen tragen oder zücken, nicht dealen oder sich in irgendeiner Weise gewaltätig verhalten - und ähnliches erklären und Abhängigen, denen Hausverbot erteilt wurde, den Eintritt zu verhindern. Wenn Mütter mit Kindern die Einrichtung betreten, müssen die Mitarbeiter blitzschnell einschätzen, wie die Situation ist: Ist die Mutter stabil genug, um sich angemessen um das Kind zu kümmern? Sollte lieber das Sozialamt eingeschaltet werden, um die Sicherheit und das Leben des Kindes zu gewährleisten?
Während die Abhängigen in anderen Instituten dieser Art am Eingang ihren Ausweis abgeben müssen, ist es in La Strada nicht ungewöhnlich, dass man nur einen Spitznamen nennt. Auch Konsumenten, die über Jahre hinweg den Druckraum aufsuchen, müssen ihre wahre Identität nicht preisgeben. Es ist allerdings für die Statistik notwendig, sich zu registrieren und dabei wird angegeben, welche Art der Droge man vorhat, zu konsumieren. Im Falle einer Überdosis kann somit bessere Hilfe geleistet werden. Die meisten Klienten sind polytox, das heißt, sie konsumieren mehr als nur eine Droge. In Frankfurt ist die Qualität des Heroins sehr schlecht, eine Plombe enthält generell nur 4-8% reines Heroin und ist sonst gestreckt mit anderen Drogen, Medikamenten, Giften oder Dreck.

Wir gingen aus dem Vorraum mit Café, in dem man übrigens umsonst Brötchen erhält und für niedrige Centbeträge Käse, Wurst oder Getränke kaufen kann, in den Gang, der zum Druckraum führt. Vom Gang gehen zwei Toiletten und eine Dusche ab, in der Durchreiche bekommt man gratis das saubere Besteck gestellt. Das besteht aus einer frischen Spritze, einem Löffel, Filter und Alkoholtupfer. Die Nadeln sind in verschiedenen Größen erhältlich. Dies bedingt sich dadurch, dass die Venen je nach Dauer des Konsums schon unterschiedlich zerstört sind oder man an andere Körperteile als Arme geht. Die Filter dienen zur Desinfizierung, denn damit werden Giftstoffe aufgesaugt. Es gibt allerdings auch Drogenabhängige in spätem Stadium, die die Filter sammeln und ausdrücken, um einen weiteren Schuss zu bekommen. Dass das nicht ratsam ist, liegt auf der Hand.
Im La Strada darf man Drogen nur intravenös konsumieren. Es gab zwar temporär das Projekt "Smoke it", das versuchte, Konsumenten zum Rauchen des Heroins mit spezieller Alufolie zu bewegen, da das etwas weniger gefährlich ist. Der Effekt der Droge ist ein anderer, während der Rausch sich in den Blutbahnen augenblicklich ausbreitet, tritt die Wirkung beim Rauchen langsamer ein. Je nach Auswertung des Projektes wird möglicherweise ein weiterer Raum eingerichtet.
Die Dusche kann auch nach Belieben benutzt werden, dafür meldet man sich an und bekommt, wer nicht mitbringt, Handtuch und Shampoo oder auch Tampons und Rasierer, meistens übrigens Spenden, im Notfall gekauft von La Strada. Es gibt auch eine Klamottenkiste. Dieses Angebot wird gerade im Sommer oft genutzt, die Mitarbeiter machen den ein oder anderen Klienten aber auch darauf aufmerksam, dass sie sich wieder reinigen sollten, wenn der Gestank zu stark wird. Wer nicht darauf eingeht, wird des Cafés verwiesen, um die anderen nicht zu belästigen.

Neben dem Druckraum befindet sich das Beratungszimmer. Dort kann man wie oben erwähnt sich an Kliniken weiterleiten lassen oder es wird dem Konsumenten bei Bürokratieproblemen mit Anwälten beispielsweise geholfen. Viele nutzen das Zimmer auch für Angelegenheiten, die für den Otto Normalverbraucher leicht zu handeln wären, für die Besucher des La Strada aber unüberwindbare Hindernisse darstellen: es gibt Kriseninterventionen, wenn man zuviel Schwarzfahren offen hat, außerdem ist dort ein Telefon, um Kontakt zu Familienangehörigen zu halten.

Der Konsumraum ist weiß gekachelt und ungefähr zehn Quadratmeter groß, links und rechts befinden sich je drei kleine, metallene Tische mit Kerze, am anderen Ende ist ein weiterer Tisch. Dazu gibt es einen Vorhang, um sich, falls man an intimere Stellen muss, um zu konsumieren, ein bißchen Privatsphäre erhalten zu können. Auf der anderen Seite ist ein offenes Fenster zur Durchreiche/Theke, daneben ist der Stuhl für eine studententische Hilfskraft, der im Falle einer Überdosis intervenieren kann. Alle Mitarbeiter haben eine Ausbildung in Erster Hilfe mit Spezialisierung auf Überdosen. Der Konsum von Heroin führt zu Atemstillstand, es mag vorkommen, dass man den Konsumenten beatmen muss. In La Strada wird kein Gegenmittel für Heroin gelagert, das hat der Notarzt, der geschult darin sein muss, wie schnell oder langsam das Antidot gespritzt werden muss. Gewöhnlich sind Überdosen aber nicht, da die meisten Konsumenten genug Erfahrung mitbringen, um im Falle eines höheren Anteils an Heroin in der Plombe den Konsum rechtzeitig abzubrechen. An den Wänden befinden sich auch zahlreiche Spiegel, falls man eine Stelle am Körper, die man nicht so gut sehen kann wie beispielsweise die Brust, besser erreichen kann.
Die Klienten sind nicht nur der "klassische Junkie vom Bahnhof", sondern auch viele Menschen, die in feinem Anzug oder Blaumann in ihrer Mittagspause konsumieren. Reines Heroin ist nicht sonderlich schädlich und harmloser als Alkohol, es sind die vielen Zusatzstoffe, die den Körper zerstören. Das Gefährliche an Heroin ist nicht das Gift, sondern die hohe Abhängigkeitsgefahr. Deswegen sieht man den Bankern, die Heroin nehmen, den Konsum nicht so an, da sie bedingt durch die bessere finanzielle Situation an qualitativ viel hochwertigeren Stoff kommen.


Das war die Führung in La Strada. Vielen Dank an die Mitarbeiter, besonders den jungen Mann, für die ausführlichen Erklärungen und für die Arbeit, die geleistet wird!


Ich habe einige Photos gemacht; im Laufe der nächsten Woche wird mir Bescheid gegeben, ob ich diese veröffentlichen darf.

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