Donnerstag, 11. Oktober 2012

Buchmesse Tag 1 - Cohn-Bendit, Schwarzenegger, Grjasnowa

Es ist wieder soweit: die größte Buchmesse der Welt öffnete heute - zunächst nur für die Fachbesucher - ihre Pforten. Ich selbst hatte danke des Blogs die Möglichkeit, zum ersten Mal an diesen Tagen teilzunehmen. Angenehm: es war weniger voll als gewohnt.

Meine erste Veranstaltung führte mich um 13:30 zu 3sat-Bühne, auf der Daniel Cohn-Bendit, der gerade sein Buch "Für Europa. Ein Manifest." veröffentlicht hatte, im Gespräch war. Das Buch, das zugleich in sechs Sprachen erschien und derzeit in drei weitere übersetzt wird, plädiert für einen europaweiten Zusammenhalt. Bedingt durch die Krisen könne man nicht zurück zu seinen "nationalen Inseln", so Cohn-Bendit. Die Verzweiflung der aktuellen Zeit würde die Leute dazu bringen, sich in eine Welt, die nicht mehr existiere, zurückzuträumen. Es sollte stattdessen lieber auf quasi die Vereinigten Staaten von Europa hingearbeitet werden; die Krise zwinge einen zu diesen Schritten. Cohn-Bendit meinte, in Europa bräuche man föderale Institutionen und ein Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser. Die Souveränität der Nationalstaaten würde durch die Macht der Märkte verdrängt, und deswegen sei ein vereintes Europa von Wichtigkeit. Desweiteren prophezeite er, dass in spätestens zwanzig Jahren die G8 komplett ohne eruopäische Staaten, sondern vielmehr mit China, USA, Indonesien... wären. In dem Zusammenhang sprach er sich auch für eine europäische Armee aus; das überschüssige Geld solle in Bildung und Griechenland investiert werden. Daniel Cohn-Bendit holte etwas aus, um pro Griechenland zu argumentieren: so hätte beim Erlass der Schulden des II. Weltkrieges 1953 auch Griechenland auf weitere Reperationszahlungen verzichtet. "Wir haben von der [griechischen] Korruption profitiert", echauffierte er sich. Die griechische Gesellschaft sei durch das autoritäre System gefährdet und "wir", also Deutschland, würde sie weiter dahin treiben. Im Vergleich zu der nationalistischen Partei Griechenlands, die derzeit bei 14 Prozent läge, nannte der die NPD "neoliberal" (Raunen im Publikum). Europa habe Griechenland wenigstens ein Minimum an sozialem Schutz zu bieten.
Danach nannte er verschiedene Zahlen und Statistiken. Europa mache 20 Prozent des Bruttoinlandproduktes und Deutschland und Frankreich zusammen hätten ein höheres als China. "Wir sind am Beginn einer neuen Epoche", so Cohn-Bendit, "das ist realistisch, man muss nur die Menschen davon überzeugen". Er nannte die Kürzungspläne des Etats für europäische Bildungsprogramme wie Erasmus für "ein Verbrechen" und meinte, nicht nur Studenten, sondern alle, beispielsweise auch Taxifahrer, sollten davon profitieren. Dies sei die beste "Möglichkeit, Menschen Europa erfahrbar zu machen."
Als er auf den Einfluß der Medien angesprochen wurde, antwortete er polemisch, wohlwissend, in welcher Runde er sich befand: "Journalisten sind genuine Masochisten, denen geht's nur gut, wenn sie was Schlechtes berichten!" Es sei deren Lebenseinstellung, von der er hoffe, sie trügen sie nicht bis nach Hause.
Zum Schluß des zwanzigminütigen Gespräches fragte ihn der Moderator, woher er die Kraft für dieses Einsetzen für Europa nähme. Cohn-Bendit schmunzelte und sagte, er habe direkt nach dem "rauskommen" (ja, das war die Formulierung) zu reden angefangen und die Eltern seien genervt gewesen; er redete "zu früh und dann nur Unsinn". Aber schon damals habe er gesagt, innerhalb von fünfzig Jahren gäbe es keine Grenzen mehr. Das sei schon seine "pränatale Überzeugung" gewesen.
Danach ging ich weiter zur ARD-Bühne, auf der Arnold Schwarzenegger, der seine Memoiren mit dem bezeichnenden Titel "Total Recall" präsentierte, um 14:30 erwartet wurde. Schon um kurz nach zwei war der relativ große Raum voll und er füllte sich sehr schnell immer mehr. Ein junger Mann trug doch ernsthaft ein T-Shirt mit der Aufschrift "Arnold is numero uno". Auch der Sprecher, der ihn ankündigte, stellte fest, dass hier mehr Zuschauer waren als bei der Präsentation der Gewinnerin des Frankfurter Buchpreises. Ich selbst bin mir sicher, dass auf der gesamten Buchmesse 2012 kein Gast mehr Publikum haben wird - und das ausgerechnet der unliterarischste Besucher überhaupt.

Arnold Schwarzenegger war anders, als ich es mir vorgestellt hatte, nicht im Interview mit dem Moderator, sondern hielt vielmehr auswendig eine zwanzig Minuten lange Rede, bei der jegliche Ausdrucksweise vorformuliert war. Er wusste genau, wie er die Zuschauer für sich gewinnen konnte und begann zum allgemeinen Jubel direkt mit seiner catch phrase "Hasta la vista, baby, I'll be back!"
Er meinte, es sei ihm schwer gefallen, diese Autobiographie zu verfassen, da er ein Mensch sei, der nach vorne und nicht zurück schaue. Er wollte seine Zuhörer, also uns, mit "auf eine Reise" nehmen und karikierte sämtliche Lebensetappen mit "erster Gang, zweiter Gang... wir drücken auf's Gas" und dergleichen. Schwarzeneggers starker Dialekt ist inzwischen durch eine sehr amerikanische Ausdrucksweise geprägt. Für mich als absoluter Anti-Fan (euphemistisch ausgedrückt...) war er sogar noch furchtbarer, das heißt eingebildeter und pathetischer, als zuvor erwartet. Aber noch schlimmer als die Selbstverliebtheit war das durch und durch megalomanische Denken Schwarzeneggers.
Er zählte all seine frühen Bodybuilder-Weltmeistertitel auf (13 an der Zahl) und vergaß dabei auch nicht zu erwähnen, dass kein Sportler jemals soviele Titel errrungen hätte. Schon als junger Kerl habe er Eastwood und Bronson als Vorbilder gehabt. Ihm wurde aber unter anderem aufgrund des Dialektes keine Chance zugerechnet. "Jedes Mal, wenn sie 'Nein' sagten, hörte ich 'Ja'!" trompetete Schwarzenegger ins Mikrophon. Er habe seine eigentlichen Hindernisse zum Vorteil gemacht. Heute kenne jeder seinen Namen. "Äktschn Arnie" zählte seine Gagen für die Filmrollen auf - angefangen bei 25.000 Dollar bis später 30 Millionen Dollar. Genauso stolz schien er darauf zu sein, dass er Tontauben schiessen mit Bush, sr. gewesen war und sich als Republikaner in die mächtigste demokratische Familie Amerikas (die Kennedys) eingeheiratet habe.
Bedingt durch seine Metapher des Auto fahrens im Verhältnis zu seinem Leben hatte er (wir haben den 6. Gang und 180 km/h bereits hinter uns) aber auch eine "Motorpanne". Damit spiele Schwarzenegger auf das bekannt werden seiner Affäre an. "Von einer Sekunde auf die andere ist alles kaputt", gestand er vermeintlich reumütig, "durch meine Schuld", fügte er dem ganzen noch hinzu. Er erwähne dies, denn "wer sich mit Erfolg schmückt, der muss auch mit Niederlagen ehrlich umgehen". Schwarzenegger, der gewiefte Rhetoriker, der menschliche, der Fehler macht wie du und ich. Aber schnell war dieses Thema auch wieder abgehakt, denn innerhalb eines Jahres wäre er wieder aufgestanden (fast erwartet von mir, aber nein, wenigstens fehlte die Analogie mit einem geschickt eingefügten "auferstanden" zu Jesus) und habe bereits vier Filme abgedreht. Als nächstes Ziel habe er sich vorgenommen, Professor für Fitness und Bodybuilding in California zu werden. "Terminator - Governator - Educator! Der Weg geht weiter!" skandierte er. Die Menge war begeistert. Als er danach mit einem erneuten "Hasta la vista"-Zitat seine pastorale Rede beendete, hatte er erreicht, was er wollte. Einerseits hatte er in schwungvollen Formulierungen all seine Meriten aufgezählt, andererseits als Opferlamm eingestanden, dass auch er nicht unfehlbar sei und mit diesem bekannten Schlagwort, dass die Rede gekonnt rahmte, auch die Letzten von sich überzeugt. Naja, vielleicht nicht alle. Wie gesagt, ich fand ihn noch schlimmer als erwartet. 

Das ARD-Forum leerte sich nach Arnies Ansprache merklich. Direkt nach ihm kam um 15:00 die junge Autorin Ogla Grjasnowa auf die Bühne, die diesen Frühjahr ihr Erstlingswerk, "Der Russe ist einer, der Birken liebt" veröffentlicht hat. Mit ihr fand übrigens, wie es sein sollte, ein Dialog statt.
Auf eine der ersten Fragen, ob sie denn schon Messeerfahrung habe, antwortete sie locker, sie habe schon mal auf der "Fruchtmesse in Berlin" gearbeitet. Ingesamt gab Grjasnowa keine besonders amüsanten oder ausführlichen Antworten, wirkte aber wie ein nettes Mädchen, mit dem man sich gerne unterhält. Der Moderator sprach kurz die Eckpunkte ihres Lebens an - sie ist 1984 in Baku, Aserbaidschan geboren und 1996 in die Bundesrepublik gekommen als "jüdischer Kontingentflüchtling". Die junge Autorin hat bereits in fünf Städten studiert, Göttingen, Warschau, Moskau Leipzig und jetzt Berlin, in letzterer "aber nur noch auf dem Papier", wie sie korregierte. Von dem großen Erfolg ihres Debütromans könne sie finanziell leben und schreibe inzwischen an ihrem zweiten Roman. Grjasnowa bekam vor kurzem den Klaus Michael Kühne-Preis verliehen. Die Jury urteilte, dass die Wahl des Berufes als Dolmetscherin ihrer Protagonistin alle Grenzen aufbräche. Viel antworte die Autorin nicht darauf, nur, dass sie sich geehrt fühle, den Preis erhalten zu haben. Der Moderator versuchte es mit einer anderen Frage: Könne sie denn besser Deutsch oder Russisch reden und schreiben, der Roman sei ja auf Deutsch verfasst. Auf welcher Sprache würde sie träumen? Genauso "larifari" wie zuvor kam auch diese Antwort: sie träume in Farben und Bildern, nicht in Sprache. Wirklich interessante Informationen vermochte der Moderator ihr nicht zu entkitzeln. Er befragte sie nach biographischen Parallelitäten zu ihrer Hauptfigur Mascha. Aber auch das war eine Sackgasse, denn außer Alter, Geschlecht und Hintergrund haben sie, so Grjasnowa, nicht viel gemeinsam. Sie gab aber zu, beim Schreiben nicht an die Veröffentlichung gedacht zu haben, was ihr eine viel freiere Handhabung des Stoffes ermöglichte.
Olga Grjasnowa las eine Passage aus ihrem Buch vor. Danach erzählte sie, dass Baku bzw. Aserbaidschan als Zuflucht der Vertriebenen und durch die Entdeckung von Erdöl schon immer eine Immigrantenstadt gewesen sei. Sie selbst aber fühle sich wohl im deutschsprachigen Raum, konkret in Berlin.
Auf die Frage nach ihrem Nachfolgewerk sagte, sie, es sei zu früh, sich dazu zu äußern. Sie habe lange gebraucht, um sich auf eine Perspektive zu einigen. Der Moderator befragte sie zu ihren Rezensionen von Kochbüchern. Diese sagen was über die Gesellschaft aus, so die Autorin, sie fände Kochbücher faszinierend, außerdem koche sie gerne. Ihr Gesprächspartner erkundigte sich nach Lektüretipps gleichaltriger Autorin. Grjasnowa nannte Alissa Ganijewa, eine junge Russin, die derzeit auf Deutsch übersetzt werden würde. Auch "Mein sanfter Zwilling" von Nino Haratischwilli empfahl sie wärmstens. Ob ihr kollegialer Zusammenhalt und Gespräche wie Austausch mit anderen Autoren wichtig wäre, war die nächste Frage. Die Antwort lautete, dass sie inzwischen froh wäre, über ihre Arbeit nur noch mit ihrer Lektorin sprechen zu müssen. Früher, auf der Schreibschule, wäre das noch anders gewesen.
Danach sprachen der Sprecher und Grjasnowa über die aktuelle politische Situation, besonders Israel. Sei es denn schwieriger in Deutschland über Israel zu sprechen? Für sie selbst wäre es einfacher als beispielsweise in Palästina, wo es seltsam sei. Zuletzt wurde sie zum Gedicht "Was gesagt werden muss" von Grass befragt. Zögerlich meinte sie "Das Gedicht an sich... könnte... auch besser sein". Es sei zwar wichtig und richtig, was Grass geäußert habe, aber die Art wie missfiel ihr.



Bücherregal von Ullstein


Signierstunde mit Eckart von Hirschhausen



Cohn-Bendit





Knie-Buch

Neuseeland


Schnitzkunst


Warten auf Arnie...

Schwarzenegger





Olga Grjasnowa




 Wolf Haas


Marie Pohl

Katalonien mit von Spanien seperatem Stand


Lady Bitch Ray



Cohn-Bendit im Gespräch mit der SZ



Nele Neuhaus

Schlange bei der späteren Signierstunde von Äktschn-Arnie. Autogramm gab's übrigens nur, wenn man zuvor seine Biographie käuflich erworben hatte. Und das, wo Bücher verkaufen auf der Buchmesse eigentlich nur am letzten Tag erlaubt (zumindest üblich) ist.

Überdimensionaler Hobbit

Antike Bücher zu kaufen vor der Messe

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