Samstag, 13. Oktober 2012

Buchmesse Tag 3 - Stoiber, Rowohlt, Walser

Am letzten Tag der Fachbesuchertage führte mich mein Weg als erstes zur ARD-Bühne, auf der Edmund Stoiber seine Memoiren (ja, noch einer!) vorstellte. Naturgemäß wurde ich von einem älteren Herren, der auf dem Hocker neben mir saß, gleich gefragt, ob ich CSU-Mitglied wäre. Also hier höchstoffiziell: nein, nein, nein!
Interviewt wurde Stoiber von einer jungen Frau, die ihm absolut auf Augenhöhe gegenübertrat und unbeeindruckt von ihm wirkte. Ihre erste Frage lautete, warum er seine Memoiren verfasst habe. Stoiber pries sich selbst an und erklärte, er sei beinahe 30 Jahre in der Spitzenpolitik Zuhause gewesen und habe sogar von Schröder, Blair und Chirac das Angebot erhalten, Kommissionspräsident zu werden. Gerade junge Leute würden seine Ansicht bevorzugen, da er nicht mehr in der Politik aktiv wäre und irgendwann habe er dem ewigen Bitten nachgegeben. Er habe auch viel erzählen von der Nachkriegszeit, der Armut, die damals herrschte, seinem politischen Werdegang...
Die Moderatorin zeigte sich überrascht, wie persönlich die Autobiographie wäre, so berichtet Stoiber darin beispielsweise, dass er wegen Latein sitzengeblieben wäre. Stoiber bestätigte dies, denn zu der Zeit, um 1954, war Fußball für ihn einfach wichtiger. Sein Vater hatte ihn sogar von der Schule nehmen wollen, die Mutter dies zum Glück verhindert. Seine Interviewpartnerin sagte deutlich, sie sei Eintrachtfan (yay!), während Stoiber Mitglied des FC Bayern ist. Was habe ihm denn der Fußball gegeben? Stoiber antwortete, dass er den Mannschaftssport und das "Einfügen in ein Ganzes" mögen würde.
Danach wurde es wieder politisch. Er sei ja Franz Josef Strauß sehr nahe gewesen, quasi sein politischer Ziehsohn gewesen - was genau verstecke sich denn hinter der "Methode Strauß"? Es folgte eine etwas inhaltsarme Lobrede über Strauß, in der Stoiber erörterte, Strauß habe es zwar geschickt verdecken können, aber er habe immer intensiv Akten und Briefe studiert. Anders als die meisten seiner Kollegen sei es wirklich Strauß persönlich gewesen, der die Briefe, die an ihn adressiert waren, gelesen habe. Er fügte ein Beispiel an: eine Frau hatte Strauß geschrieben, sie müsse einen Rentenbescheid von 8000 DM zurückzahlen, der Bayerische Ministerpräsident habe dies recherchiert und festgestellt, dass dem so wäre, hätte sich aber mit der Begründung "Das ist unmenschlich!" für die Bürgerin eingesetzt. Generell habe er die "Anliegen der Bürger in hohem Maße selber gelesen". Wie sie sich denn kennengelernt hätten, fragte die Interviewerin. Stoiber erörterte, dass er damals den Kreisvorsitz der Jungen Union innehatte und Strauß zugeben musste, dass Stoiber Anno 1972/73 beim Streit über ein Krankenhausfinanzierungsgesetz besser informiert war als er selbst. Die Freundschaft wäre so gut gewesen, dass in späteren Zeiten auch vorkam, dass Stoiber um 7:00 morgens einen Anruf von Helmut Kohl erhielt, der eine ursprünglich geschlossene Abmachung mit Strauß brechen müsse und Stoiber bat, ihm dies nahezulegen. Wenn Stoiber Strauß dies dann mitteilte, wurde er die ersten Minuten "heftigst attackiert", habe danach aber immer einen Weg gefunden. "Heute ist man nicht mehr so emotional in der Politik", stellte Stoiber fest. Strauß sei authentisch gewesen, auch oder gerade weil er manchmal übers Ziel hinausgeschossen sei.
Als nächstes unterhielten sich die beiden über legendäre Versprecher Stoibers. Die Moderatorin verwies auf einen Auftritt Stoibers bei Stromberg, bei dem er sich selbst parodiere. "Sie beweisen Humor, das hätte ich Ihnen ehrlich gesagt nicht zugetraut!" Sie zählten verschiedene Patzer auf. Stoiber erläuterte, dass "die Blumen hinrichten" auf Bayerisch logisch klänge, während es im Hochdeutschen natürlich "herichten" heißen müsse. Deswegen habe er verstanden, dass die Öffentlichkeit dachte "der spinnt!". Die "ludernde Glot" hingegen war ein echter Versprecher. Er wurde gefragt, ob es weh täte, dass man sich darüber lustig mache. Er entgegnete, dass so Fehler einen menschlich machten und nur politische Berichterstatter sich wirklich hämisch gezeigt hätten. Die legendäre Transrapidrede sei eine der meist angeklickten Reden eines deutschen Politikers, fügte er mit gewissem Stolz hinzu.
Dann redeten sie über Stoibers Beziehung zu Merkel: "Sie haben sich nichts geschenkt gegenseitig". Stoiber erörterte, dass sie sich seit 1990 kennen würden. Merkel habe sich damals nie sonderlich engagiert eingebracht, es sei denn, sie sei dazu aufgefordert worden, sonst habe es halt "Papa Kohl" gemacht. Inzwischen habe sie aber bewiesen, dass sie "breit aufgestellt" wäre. Stoiber schenkte einst Merkel aus Gag Boxhandschuhe - war sie ihm denn taktisch überlegen? Sie haben taktisch nicht viel miteinander zu tun gehabt, so Stoiber, sie seien aber nach Kohl Konkurrenten gewesen, da viele im CDU/CSU-Lager gesagt hätten "Ich glaub, ich trau mir das zu". Merkel und er haben sich bei einem Frühstück geeinigt, auch die Ministerpräsidenten ihrer Partei (Stoiber sagte "ihrer" und nicht "unserer") wie Koch oder Wulff hatten lieber einen erfahrenen, älteren Ministerpräsidenten gewollt und sie habe dies akzeptiert (akzeptieren müssen). Heute hätten sie aber ein gutes Verhältnis, das wäre eigentlich trotz unterschiedlicher Auffassungen immer so gewesen. Sie sei ein anderer Charakter, kühl, Naturwissenschaftlerin, während er aus dem Süden Bayerns stamme und "deftig" sei. Die Moderatorin fragte nach der verlorenen Kanzlerwahl. Wäre das seine bitterste Niederlage gewesen? Stoiber bestätigte dies. Er habe die CDU/CSU aus der Misere hinausgeführt und dann fehlten in der ganzen Bundesrepublik für die Ernennung zum Kanzler nur 6000 Stimmen. Er habe ein paar Tage gebraucht, das zu verwinden, es sei wie ein "wunderbarer Lattenschuß" beim Fußball. Nach ein paar Wochen habe er das aber verkraftet.
Zum Ende des Gespräches wurde er noch gefragt, was man zukünftig erwarten könne. Stoiber sate, sein EU-Mandat sei bis zum Ende von Barrosos Amtszeit verlängert worden. Seine Aufgabe sei zu gucken "wie effizient sind einzelne Mitgliedsstaaten bei der Umsetzung europäischer Entscheidungen". Die Bundesrepublik sei stark, manchmal zu stark, während andere Staaten noch effizienter werden müssten. Er müsse zwecks dessen mit den verschiedenen Regiergungen sprechen. Stoiber vergaß auch nicht, zu betonen, dass er dies ehrenamtlich täte. Er sei fest überzeugt davon, dass Europa und der Euro die Krise überwinden würden. Die Wirschaft USAs, Chinas etc. hingen von der europäischen Wirtschaft ab.
Insgesamt wirkte Stoiber auf mich wie ein einiges eloquenterer Redner, als ich es je für möglich gehalten hätte. Auch die "ääähs" hielten sich in Grenzen. Er war mir auf jeden Fall sympathischer als Schwarzenegger.

Wer das Glück hatte, Harry Rowohlt mal live zu erleben, der weiß, dass die gut zwanzig Minuten, die ihm im Rahmen des Interviews auf der ARD-Bühne zustanden, eigentlich gerade ausreichend für die Einleitung sind. Ich selbst habe eine Lesung von ihm im Mousonturm mitbekommen, die so lange ging, dass es schon hart an der Schmerzgrenze war. Rowohlts Hamburger Humor ist legendär und so war die Vorstellung sehr gut besucht, obwohl es eigentlich um Kurt Vonnegut ging, von dem Rowohlt den Erzählband "Hundert-Dollar-Küsse" übersetzt hatte. Das Interview mit dem Multitalent führte Denis Schenk. Beide kannten sich gut und spielten sich perfekt die Bälle zu. Ich möchte hier noch anmerken, dass es unmöglich ist, den Wortwitz der beiden Herren, die Situationskomik und die Anekdoten genau so amüsant wie im Original wiederzugeben.
Schenk erzählte zu Beginn, dass man Harry Rowohlt Begriffe wie die "Anschleimphase" zu verdanken habe. Er berichtete weiter, dass Rowohlt weit mehr als hundert Bücher übersetzt habe, wurde aber von ihm sogleich unterbrochen, weil Rowohlt einen Witz erzählen wollte. Dann wurde er vom Moderator gefragt, wie wichtig denn die eigene Stimme beim Übersetzen sei. Dieser fing an zu berichten, er übersetze immer "ziemlich laut", hielt dann aber inne, um anzumerken, die beiden täten jetzt so, als würden sie sich Siezen - aber nur für die Bühne. Dann bedankte er sich für den Förderpreis, der ihm verliehen worden war, wurde direkt von Schenk korregiert, der betonte, es sei ein "Sonderpreis" gewesen. Er gratulierte Schenk dann, dass er auf den Gratisplastiktüten der ARD abgebildet ist. Nach Abschweifungen widmeten sie sich wieder dem eigentlichen Thema. Schenk hakte nach, warum denn Übersetzer so "unsichtbar" seien in der literarischen Öffentlichkeit. Rowohlt entgegenete, in der DDR sei es nicht so gewesen. "Dafür wurde dort die Bevölkerung eingesperrt", so der trockene Kommentar des Moderators. Genauso furztrocken die Antwort Rowohlts: "Nur ein Staat, der seine Bürger liebt, sperrt sie ein" - man könne ja nicht verantworten, dass plötzlich die Lieblingsbürger weg seien! Das hätte er eigentlich werden sollen, ein "milder Despot". Zwinkernd meinte Schenk, er habe ja auch was Königliches eine Krone würde ihm stehen, woraufhin Rowohlt sofort konterte "seit ich 'ne HALBglatze hab" und Schenk (mit um einiges mehr Glatze) piesacken wollte.
Er sprach Harry Rowohlt dann darauf an, dass dieser seine Briefe gerne mit "Der Kampf geht weiter" (Dutschke lässt grüßen) unterschreibe und fragte, welcher "Kampf" denn gemeint sei. Rowohlt winkte ab und sagte, die Begrüßung "Moin, moin" habe ja auch nichts mit der Tageszeit zu tun. Dann schweifte er wieder ab und erzählte, dass es im Friesischen nur "Moin" hieße und man sich durch die Verdopplung als Hamburger outen würde - "'Moin, moin' ist Ekstase..!"
Schenk, der erneut versuchte, dem Gespräch zumindest den Anschein von Seriösität zu verleihen, fragte, was Kurt Vonnegut, den Rowohlt persönlich kannte, für ein Mensch gewesen sei. Rowohlt sagte, dass sie zusammen auf einer Lesereise gewesen waren und Vonnegut ihm danach geschrieben hatte, er würde oft denken "Schade, dass Harry nicht hier in der Nähe wohnt, sonst würden wir uns heute gepflegt die Kante geben." Zum Abschied habe Vonnegut ihm gesagt, er hätte zwei Geschenke für ihn - eins davon sei ein Hirschgeweih. Eine schlaue Taktik, denn egal, wie schlecht das zweite Geschenk sein mag, man ist so froh darüber, nicht wirklich ein Geweih zu bekommen, dass man es gut findet.
Der Interviewer fragte Rowohlt, was es beim Übersetzen zu beachten gäbe. Dieser meinte, Schenk sei doch Ex-Übersetzer, aber er verstehe, dass er lieber "berühmt und reich" sei. Er bekräftigte das und meinte, damit könne man überhaupt kein Geld verdienen und keine attraktiven Menschen treffen. Rowohlt warf ein und sagte, deswegen habe er fünf Jobs mit Hobbycharakter, wie zum Beispiel "Serienkleindarsteller" oder Rowohlts Version einer Lesung "Schausaufen mit Betonung". Sei denn Literatur dennoch das Zentrum seines Lebens? Rowohlt meinte, da die Literatur am meisten Zeit in Anspruch nähme, könne man das sagen. Ob man sich denn dadurch ehrlicher mache, lautete die nächste Frage. Auch dies wurde bestätigt, da man ja kaum Geld dafür bekäme und man nur auf einen aufmerksam würde, wenn man Übersetzungsfehler mache. Wieso Deutschland denn so wenig vom Übersetzen verstehe, wollte Schenk wissen. Der Schriftsteller erklärte es sich damit, dass das Deutsche weder eine kleine noch eine große Sprache ist. Walter Benjamin war auch Übersetzer, so Schenk, oder Peter Handke. "Der kann ja auch im Gegensatz zu uns 47 Sprachen!", unterbrach Rowohlt. Beide nannten verschiedene merkwürdige Übersetzungen und Neologismen von Handke und Co.
Schenk erzählte, dass auch er Kurt Vonnegut (um den es ja eigentlich immer noch ging) kennengelernt habe, der aus einer deutschen Familie stamme. In Indiana gebe es eine deutsche Bierbrauerei, Vonnegut kannte Volkslieder. Welches Verhältnis hatte Vonnegut denn zu Deutschland? Rowohlt zuckte mit den Schultern und sagte, sie hätten kaum über Ernsthaftes gesprochen, Vonnegut habe nur versucht, die junge Lektorin anzubaggern und gesagt, die älteste Frau, die er je gehabt habe, sei seine eigene gewesen. "Albernes Chauvi-Schwein...", meinte Schenk. Wie sei denn die Sprache des Autors? "Oha... wenn ich das gewusst hätte, dass das so ein ernsthaftes Gespräch wird...", überlegte Rowohlt. Er erläuterte, als Übersetzer sei man nur Gefäß und müsse in den Autor kriechen und übernehme ein bißchen seine Eigenschaften. Vonnegut, so stellten beide fest, würde gewisse Formulierungen oft wiederholen, die je nach Kontext auch in traurigen wie lustigen Zusammenhängen passen würden. Schenk meinte, dass er so, wie er schrieb, auch gesprochen habe mit seiner Pall Mall-Stimme. Rowohlt fügte an, dass das das eigentliche Geschenk gewesen sei (statt des Hirschgeweihs): eine Stange Pall Mall.
Danach las Harry Rowohlt vor.
Ich kann nur empfehlen, das Video zu gucken (statt meinen Text zu lesen), viele Anekdoten und Witze habe ich ausgelassen und die Chemie der beiden Männer passt perfekt. Wer die Möglichkeit hat, Harry Rowohlt live erleben zu können, der sollte diese Chance auch nutzen! Rowohlts kauzige Art gepaart mit einem hohen Intellekt und einem unendlichen Fundus an Geschichten, die er in seiner knarzigen, aber dennoch gut betonten Stimme erzählt, sind einfach unschlagbar.

Mein letzter Programmpunkt an diesem Tag war ein Interview mit Martin Walser um 15:00 am 3sat-Stand. Da der Autor vor wenigen Wochen in den Medien den Aufruf getätigt hatte, man möge ihm doch bitte sein im Zug vergessenes Tagebuch wiedergeben, galt dem auch die erste Frage. Er hat es allerdings bisher nicht erhalten. Danach ging es direkt um seinen neuesten Roman "Das dreizehnte Kapitel". Er berichtete, dass der Impuls für den Roman ein Empfang bei Roman Herzog gewesen sei. "Wenn ich irgendwo bin, dann horte ich Eindrücke", verriet Walser. Die würden ihm dann gelegentlich beim Schreiben einfallen und er verlege dann eine Szene dorthin. In seinem Buch schreiben sich zwei Menschen, die sich quasi gar nicht kennen und nur ein mal auf einer Feierlichkeit gesehen haben, intensive Briefe. Der Schriftsteller habe bei einer solchen Veranstaltung auch eine ähnliche Begegnung gehabt, das sei die "Initialzündung" gewesen. Die nächste Frage der Moderatorin lautete, was denn der Protagonist von seiner Brieffreundin wolle. Walser führte aus, dass er glücklich verheiratet sei und die Frau auf einem Event kennen lernt, auf der ihr eigener Mann ausgezeichnet wird, dennoch ist er fasziniert und weil sie antwortet, entdecken beide dadurch ein Innenleben, das sie Zuhause im Alltag nie aufbringen können. Walser stellte die Spekulation an, dass es uns allen so ginge. Die Tatsache, dass diese Art der Beziehung zu nichts führt und somit aussichtslos ist, dient als Rechtfertigung.
Die Moderatorin erkundigte sich, warum die beiden ausgerechnet Briefe schrieben, was ja sehr altmodisch wäre. Der Schriftsteller meinte, dass Facebook das gleiche Prinzip habe: man würde da schreiben, die anderen Leute aber gar nicht kennen. Dem wurde entgegnet, dass bei Facebook ein Informationsaustausch stattfände, während es im Falle seines Romans sich um Sprachgewalt handele. Walser wandelte die Aussage ab und nannte es Austausch von Informationen über die feinsten Gefühle. Dann fragte seine Interviewpartnerin über die Rolle der Liebe und Erotik in "Das dreizehnte Kapitel". Inwiefern könne sich Liebe durch das gesprochene Wort entwickeln? Walser konterte mit der Gegenfrage, wodurch sie sich denn sonst entwickeln solle wenn nicht durch Sprache. Dann unterbrach er sich selbst und lenkte ein, dass das vermutlich doch ginge. Man wäre aber viel kühner in der Wortwahl, wenn man sich nicht sehe. "Ich könnte Ihnen dann Sachen sagen..."
Danach las Martin Walser ein Stück vor. Die nächste Frage lautete, ob es sich denn auch um eine Art intellektuellen Wettstreit zwischen den beiden handeln würde. Walser meinte, dass es kein intellektueller sei, sie könnten in den Briefen einfach aus sich herausgehen wie nirgends sonst. Es sei die "innerste Daseinsmelodie", die sie nur vor diesem Menschen spielen könnten. Die Moderatorin hake nach. Sei es denn eine Art Selbstgespräch des Schriftstellers selbst mit verteilten Rollen? Walser schwieg. Dann führte er aus, dass er natürlich beide Personen sei und einen Dialog mit sich selbst führe. Er würde die verschiedenen Rollen spielen und so die jeweils spezifische Sprache entwickeln, wie ein kleines Mädchen, dass mit zwei Puppen spielt und beiden unterschiedliche Stimmen verleiht. Inwiefern sich die Sprachen unterscheiden, fragte die Interviewerin. Es gäbe keine weibliche/männliche Sprache, so Walser. Aus Erfahrung könne er aber sagen, dass man sich in die Perspektive einer Frau nicht hineinversetzen müsse. Wichtig seien nicht die Äußerlichkeiten an der Oberfläche, sondern die "Temperatur".
Die Moderatorin sprach ihn auf die hochgestochenen, schwungvollen Abschlüsse der Briefe an - bekäme er den oft Briefe von Lesern in so geschwollener Tonart? Walser bejahte das und sagte, die Leute würden denken, sie schreiben wie ein Buch von ihm, Walser, in echt würden sie aber ein Buch über sich schreiben. Solche Briefe könne man als Autor aber auch benutzen. 
Wieso der Protagonist denn "Schlupp" mit Namen hieße, lautete die nächste Frage. Er möge einsilbige Namen, sagte Walser, er verstände nicht, wieso ihr zu "Schlupp" "schlapp" einfiele. Für ihn sei es ein schönes Wort. "Namen haben auch eine Temperatur", konstatierte der Schriftsteller. Über die Herkunft des Titels erkundigte sich die Moderatorin ebenfalls. Walser meinte, ihm fielen immer tausende Titel ein. Er habe seit zwanzig Jahren versucht, einen Roman zu verfassen, der diesem speziellen Titel gerecht werde.
Die Moderatorin ließ Walser Figur Maja sprechen, die behauptete, Glaube entstehe durch Mangel. Walser erörterte, dass er sich vor kurzen in einem Essay mit der katholischen Religion auseinander gesetzt hatte, in der das Jenseits etwas schönes sei. Deswegen hatte er sich danach mit der evangelischen befassen wollen, die unangenehmer sei. Während die katholische Religion wie ein schlichtes Volkslied in C-Dur sei, käme ihm der Protestantismus viel anspruchsvoller und dementsprechend gereizter vor. Deswegen habe er aus seiner Protagonistin auch gleich eine evangelische Theologin gemacht.
Ob die beiden denn durch diese Briefe ihre Ehepartner betrügen würden, lautete die Abschlußfrage. Es sei in gewisser Weise ein Liebesroman, ohne dass sie sich in einem Hotel treffen würden. Trotz des Nicht-sehens fände eine Art des Verrats statt, aber das gehöre dazu und beide würden das genießen.
Das Gespräch mit Martin Walser war für mich vor allem im Verhältnis zu Goetz oder Rowohlt verhältnismäßig langweilig, um ehrlich zu sein. Vielleicht lag das aber auch ein bißchen an der Übersättigung nach drei so vollen Tagen.


Friedrich Ani liest

Stoiber





Da läuft grad Ralf Zacherl vorbei

Mario Kotoska von den Kochprofis

Quint Buchholz

Sascha Lobo erkennt man auch problemlos von hinten

Paula Morris aus Neuseeland erzählt gerade, dass ihr Land mehr zu bieten hat als nur schöne Natur

Die Fallers


Harry Rowohlt



Martin Walser




Wolfgang Hohlbein


Keine Kommentare: