Samstag, 13. Oktober 2012

Buchmesse Tag 4 - Daniel Brühl

Am vierten Tag stellt sich dann doch eine gewisse Müdigkeit ein, vor allem bei den Massen, die am ersten öffentlichen Besuchertag zur Buchmesse strömten. Gefühlte 10x, realistische 5x so viele Menschen wie zuvor blockieren mir den Weg, als ich versuche, rechtzeitig für die 13:00 Veranstaltung mit Clemens J. Setz zum Stand der FAZ zu gelangen. Natürlich kam ich zu spät und es war so voll, dass ich mich entschloss, allein meinem Fantum zu frönen und wenigstens rechtzeitig zu Daniel Brühl um 14:00 im gläsernen Studio der ARD zu kommen.

Dort waren um 13:15 schon einige junge Mädels mit dem gleichen Gedanken anwesend. Zumindest bezweifle ich, dass sie echtes Interesse an Alain Lance hatten, der über seine Erfahrungen als Franzose in der DDR, seiner Bekanntschaft mit Volker Braun und Christa Wolf und den deutsch-französischen Beziehungen sprach.

Als Daniel Brühl dann die Bühne betrat, war es proppenvoll. Der Moderator sprang zwischen den Thematiken genauso wahllos hin und her wie Brühl mit der Anrede ("Du" und "Sie"). Für erste Belustigung sorgte ein Photograph, der pantomimisch verdeutlichen wollte, die Wasserflasche auf dem Tisch solle weggeschafft werden, was er aber weder Brühl noch dem Moderator so leicht begreiflich machen konnte.
Die erste Frage bezog sich auf das Buch "Ein Tag in Barcelona", das der Halbkatalane (geboren in Barcelona mit katalanischer Mutter) vor kurzem veröffentlicht hatte. Der Schauspieler erzählte, dass er zwar Ulrich Tukurs Hommage an seine Wahlheimat Venedig gelesen habe, die Idee, über Barcelona zu schreiben, aber vom Ullstein Verlag kam, der sich an ihn mit diesem Anliegen wendete. Mit der Überlegung "Was mache ich am liebsten in Barcelona?" habe er dann die Klammer für das Thema gefunden. Wieviele Tage er tatsächlich für den einen beschriebenen Tag in der Stadt verbracht habe, wollte der Moderator wissen. Die Antwort war doch recht überraschend: insgesamt drei Jahre. Brühl habe bemerkt, dass er Texte "intensiv" nur vor Ort schreiben und dies nur nach Beedigung eines Films vollbringen konnte, da er während der Dreharbeiten zu sehr auf die Produktion beschäftigt sei. In der Zeit, die er in Barcelona verbrachte, war er aber immer sehr produktiv. Am Ende des Buches steht er nackt am Strand und alle Klamotten sind geklaut - ist das auch in echt passiert? Brühl erklärte, er habe "an einigen Stellen überspitzt", bei dieser speziellen Erfahrung habe er das eigentliche Setting, ein Dorf, in dem das geschah, auf Barcelona übertragen. Ungefähr 70 Prozent der Geschichten stimmten, während die restlichen 30 aus Erfahrungen anderer oder eigenen Erfahrungen an anderen Orten stammen.
Der Moderator fragte ihn, ob er es nicht kontraproduktiv fände, wenn die Stadt, die sowieso schon ein Touristenmagnet ist, auch noch von Daniel-Brühl-Fans belagert würde. Brühl meinte, dass die Leute, die er damit anspreche, "hoffentlich spezielleres Interesse an Barcelona" hätten und er ihnen lediglich dabei helfen wollte, unbekanntere Ecken zu entdecken. Ein Freund, der eine Tapasbar dort führt, die er auch erwähnt, habe ihm bereits Photos geschickt von Leuten, die mit dem Buch in seiner Kneipe ankamen. Das Buch sei ja recht persönlich mit vielen Privatphotos und dergleichen - ob es denn auch ein Geschenk an ihn selbst sei, lautete die nächste Frage. Am Anfang nicht, so Brühl, er habe aber während des Schreibens bemerkt, dass "alles, was persönlich ist, besser ist". Er habe allerdings befürchtet, wie ein "Promiheini" zu wirken, der unbedingt sein Leben erzählen muss, deswegen habe er erst die richtige Tonart finden wollen. Es sind auch nicht alle Restaurants und Ecken erwähnt, die Brühl mag, ein paar kleine Geheimnisse hat er sich bewahrt, auch wenn diese, wer die Route verfolgt, für den aufmerksamen Besucher entdeckbar seien. Das Buch ist zusammen mit dem Spanienkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung, Javier Cáceres, entstanden. "Das war schon gut habe ich gemerkt", kommentierte Brühl, da er so ein direktes Feedback bekommen habe. Cáceres sei ein absoluter Spanienkenner und zusammen seien sie die Straßen abgelaufen. Geschadet hat auch nicht, dass er (wie Brühl) ein passionierter Fan des FC Barcelonas sei.
Ob er sich denn vorstellen könne, ein Buch über einen vergleichbaren Spaziergang durch Köln zu schreiben, wollte der Interviewer wissen. Schmunzelnd meinte Daniel Brühl, dass er zwar seit zwölf Jahren in Berlin lebe, "aber jetzt, wo du's sagst..."
Dann wandten sich die beiden Brühls Filmkarriere zu. Er habe ja schon mit 16 Jahren die ersten Filme und Fernsehproduktionen gemacht, sei es ihm denn immer schon klar gewesen, dass Schauspieler der beste Beruf sei? Brühl betonte, dass oberste Priorität damals war, das Abitur zu machen, er aber immer schon im Genre Film, auch als Drehbuchautor oder Regisseur, hatte arbeiten wollen. Dass es so gut für ihn lief, war wie "ein Traum". Wie weit er denn zu Beginn seiner Karriere Barcelona weg war, fragte ihn der Moderator. Damals mehr als heute, antwortete der Schauspieler, auch wenn er Zuhause immer die spanische und katalanische Kultur gelebt hätte und auch zu diesen Zeiten drei Mal im Jahr in Barcelona war und Spanisch mit seiner Mutter gesprochen habe. 2004 drehte er die ersten Filme in seiner Zweitheimat, wobei ihm "Salvador" (über den katalanischen Anarchist und Freiheitskämpfer unter Franco, Salvador Puig Antich) eine Nominierung für den Goya einbrachte und somit den Weg ebnete für mehr Filme in Spanien. In den letzten zwei Jahren war er öfter dort als in Deutschland und hat inzwischen eine Wohnung in Barcelona (im Viertel Gràcia übrigens). Zu "Salvador" kam er, weil der Produzent, nachdem er "Goodbye Lenin!" gesehen hatte, ihn anschrieb und die Rolle anbot. Seine Eltern hätten ihm dann so viel über Salvador Puig Antich erzählt, dass ihm die Sache schon fast zu groß und gewichtig vorkam. Da der Regisseur aber insistierte, willigte er doch ein. Im Film wird nicht nur Spanisch, sondern auch viel auf Katalanisch gesprochen und Brühl musste, obwohl er diese Sprache auch beherrscht, seine Kenntnisse als Vorbereitung vertiefen. Der Moderator sprach ihn auf einen Unfall an, den es im Film gab. Das sei der "Laxheit der Spanier" geschuldet, meinte Brühl. Er habe mit Waffen hantieren müssen, aber es wurde versäumt ihm zu erklären, dass das abgeschossene Ventil bei Linkshändern gefährlich werden könne. So sei ihm ein Splitter ins Auge geflogen. Glück im Unglück: ein Milimeter daneben und Daniel Brühl hätte heute ein Glasauge. In einem späteren Film, "Die kommende Tage", spielte Brühl einen Mann, der an einer Augenkrankheit leidet. Für ihn gab es aber keinen wirklichen Bezug zu den eigenen Erfahrungen.
Er führe ein öffentliches Leben, so der Moderator, "man sieht das hier" - wie sei das für ihn? Die Antwort fiel locker aus: Man könne sich auch als Star immer Orte suchen, an denen man unbehelligt sei und er glaube, dass die Schauspieler, die sich darüber beschwerten, in echt noch bekannter werden wollen. Er selbst gab zu, dass er schon als Kind gerne im Mittelpunkt gestanden habe. Nur, wenn die Leute schon ein paar "gepichelt" hätten, könnten Situationen schnell ins Negative umschlagen. Stören würde auch die Distanzlosigkeit einiger Fans, aber generell könne man gerade in Berlin prima für sich sein. Der Moderator zitierte eine Stelle aus Brühls Buch, in dem der Nachbar des Fußballspielers Piqué, als er Fans abwehren wollte, am Ende seine Tür voller Eier hatte. Brühl bestätigte, dass auch er es kennen würde, bedrängt zu werden, das käme besonders vor, wenn man bestimmt drauf hinwiese, in Ruhe gelassen werden zu wollen, aber er betonte noch mal, dass wer nicht wolle und sich nicht bewusst in die Mitte des Geschehens manövriere, generell keine Probleme habe.
Der Moderator sagte, dass Daniel Brühl zum ersten Mal auf der Buchmesse sei und fragte ihn, wie es ihm gefiel. Es würde ihn fast "erschlagen", er fände es aber total spannend und würde sich gerne umsehen, müsse aber am folgenden Tage wieder für Dreharbeiten in Berlin sein und deswegen heute noch abreisen. Sein Buch sei hier nur eins unter zigtausend, meinte (stichelte?) der Interviewer und Brühl winkte lässig ab, dass es schön sei, mal nicht so im Vordergrund zu stehen. Er erwähnte die vielen verkleideten Leute (schlimm heute; die meisten waren wohl wegen "Der Hobbit" engagiert) und scherzte, er hätte lieber mal in seine "Karnevalskiste aus Köln" schauen sollen.
Danach ging es wieder um Brühls Filmkarriere. "Goodbye Lenin!" habe ihn ja "drei Stufen höher katapultiert". Brühl sagte augenzwinkernd, dass auch nach zehn Jahren Leute immer noch mit Gurkengläsern winken würden, ihn aber nicht ausmache, von vielen auf diesen Film reduziert zu werden, sondern er es vielmehr als Glück empfände, daran teilgenommen zu haben. Er wäre sogar schon in Ländern wie Island oder Kuba darauf angesprochen worden. Wann er den Film zuletzt gesehen habe, wollte der Moderator wissen, und Brühl meinte, "seitdem nicht mehr", denn er ertrage sich auf Dauer nicht. In Quentin Tarantinos Film "Inglorious Bastards" hatte Daniel Brühl auch eine Rolle. Wie sei es für ihn gewesen, plötzlich Tarantino am Telefon zu haben? "Man denkt, man hat sich verhört", so Brühl. Es sei aber toll gewesen, mit ihm zu drehen, da Tarantino soviel über Film wisse wie eine Enzyklopädie und er viel gelernt habe. Dank dieses Films sei auch Ron Howard auf ihn aufmerksam geworden, mit dem er "Rush" (ein Film über Niki Lauda) gedreht hat. Der Moderator wollte wissen, ob Daniel Brühl sich vorstellen könnte, in Los Angeles zu leben. Brühl winkte ab, er sei Europäer und wollte hier bleiben. Er würde allerdings gerne ein Jahr in New York verbringen und "rumlungern".
Auf Fußball bezogen fragte ihn sein Interviewpartner, welchen Verein er außer Barça noch mögen würde. Als gebürtiger Kölner sei er natürlich Fan des "FC Kölle", auch wenn es im Moment harte Zeiten wären. Brühl bemängelte einige Vorkomnisse in letzter Zeit, beispielsweise, dass Fans Spieler bedrohten.
Und wieder ein Schwenk auf ein anderes Thema: In "Nichts bereuen" musste Brühl sich überwinden und vom 10 Meter-Brett springen. Er lachte und meinte, sein Gesichtsausdruck dabei sei garantiert "bizarr" gewesen. Dieses Erlebnis habe er in seinem Buch auf ein Schwimmbad in Barcelona transportiert. Taugen Sie zum Helden?, wollte der Moderator wissen. "Dat weiß ich nicht", wiegelte Brühl die Frage mit übertriebenem Kölsch ab.
Würde er denn lieber in Berlin oder Barcelona leben? Beides möge er, so Daniel Brühl, Barcelona sei super gelegen zwischen Meer und Bergen, die Leute wären toll und das Leben würde sich nur auf der Straße abspielen, in Berlin hingegen könne man wunderbar neuere Geschichte erleben und beide Städte hätten kulturell viel zu bieten. Zum Ende des dreißigminütigen Gespräches verriet er, dass er momentan mit William Dafoe, Philip Seymour Hoffman und Rachel McAdams den Film "A Most Wanted Man", bei der die Regie übrigens der geniale Anton Corbijn hat, dreht.
Insgesamt wirkte Daniel Brühl wie ein absolut sympathischer, auf dem Teppich gebliebener Typ, mit dem man locker auch ein Bierchen "picheln" könnte. Trotz der zwölf Jahre Berlin hörte man ein leichtes Kölscher Dialekt auch noch raus. Wirklich nettes Interview!

Persönliche Anmerkung: Da ich selbst bald nach Barcelona zurückziehe, werde ich Teilstrecken des Buches ablaufen und euch dann im nächsten Jahr darüber berichten.


Alain Lance

Daniel Brühl






Ulrich Wickert



1 Kommentar:

Lucia N. hat gesagt…

Danke fürs berichten. Konnte ihn mir das Interview mit Brühl leider nicht live anschaquen/hören. Durch den Bericht und die Fotos fühl ich mich nun etwas entschädigt. Thx