Montag, 15. Oktober 2012

Buchmesse Tag 5 - Bodo Kirchhoff

Am heutigen Sonntag, den 14. Oktober war der letzte Tag der Buchmesse. Ich hatte den Eindruck, dass noch mehr verkleidete Kiddies als gestern rumirrten. Guten Morgen, das ist keine Der Hobbit-Convention sondern eine Buchmesse!

Mein letzter Programmpunkt der 2012er Messe war, ein Interview mit Bodo Kirchhoff zu erleben. Also begab ich mich Zeitung zum "blauen Sofa" zwischen den Hallen 5 und 6. Dort erlebte ich erst Anila Wilms aus Albanien, die 1994 nach Berlin kam und heute ihr Buch "Das albanische Öl" vorstellte. Wilms wirkte sehr freundlich und wählte ihre Worte mit Bedacht. Der Moderator fragte das Publikum, wer schon einmal in Albanien gewesen sei - vier Hände erhoben sich. Da eher wenige den genauen historischen, kulturellen wie politischen Hintergrund kennen, drehten sich viele der Fragen um Albanien selbst und nicht ihren Roman.

Um 15:00 betrat der britische Thrillerautor Simon Beckett die Bühne. Er erzählte, dass sein aktueller Roman "Verwesung" im November neu erscheinen würde. Dieses Mal mit eigens für das Buch komponierten Soundtrack der Band In The Nursery! Desweiteren wusste er zu berichten, dass er zwecks Forschung auf einer amerikanischen Body Farm gewesen war. Dort werden, um Polizisten besser schulen zu können, wirkliche Leichen vergraben und nach unterschiedlichen Zeitständen untersucht. Somit kann der Polizist anhand des Verwesungsgrades einer echten Leiche die Tatzeit besser bestimmen. Beckett selbst nahm teil an der Ausgrabung einer sechs Monate alten Leiche. Auf dem Grundstück dieser Body Farm sind insgesamt 30 Leichen verbuddelt. Brrr!

Danach kam Bodo Kirchhoff aufs Sofa. Der (quasi Frankfurter) Autor wirkte auf mich - pardon - doch etwas wie eine Rampensau. Seine junge Interviewpartnerin schaute er bei seinen Antworten nicht an, vielmehr blickte er pathetisch "in die Ferne". Er hätte das Interview genausogut mit sich selbst führen können, denn jedes Stichwort, dass sie ihm lieferte, begleitete er mit umfassenden Ausschweifungen seiner persönlichen Ansicht über das Leben. Als außenstehender Beobachter wirkte es aber doch recht amüsant.
Die Frage, was hinter dem Titel seines Romans "Die Liebe in groben Zügen" stecke, erklärte er mit zwei Empfindungen, die er (oder man?) dazu habe: 1) egal, wieviele Seiten man schreibt (und das Buch ist nicht gerade dünn), man könne nie alles über die Liebe erzählen und 2) in der Liebe liegt etwas Grobes, Rücksichtsloses; lieben als Zustand lässt einen Fahrlässiges begehen. So meint es zumindest der Weltenmann Kirchhoff. Auf Bitte der Moderatorin fasste er die Geschichte kurz zusammen. Es geht um ein Ehepaar, die beide im Fernsehgeschäft und schon seit 30 Jahren miteinander verheiratet sind. Sie führen nach außen ein schönes Leben, es benötigt allerdings vieler Anstrengung, dieses Niveau aufrecht zu erhalten, andererseits schweißt sie dieser Kampf auf zusammen. Materielle Dinge haben kein Einfluss darauf, wonach man sich wirklich sehne. Die Krise, die sich bereits anbahnte, bricht aus, als sie die Nachricht bekommen, dass die Tochter, die in Havanna lebt, schwanger ist, aber abtreiben will. Die Mutter, Vila, die dies verhindern möchte, reist nach Havanna wo sie mit einem Bekannten, der ihr folgt, eine Affäre beginnt. Gleichzeitig hat auch der Ehemann Renz, der zahlreiche Liebschaften hatte, ein Verhältnis. Es stellt sich aber schnell raus, dass diese Frau sterbenskrank ist. Er lässt sich trotzdem auf die Frau ein und die Affäre bessert ihn als Mensch. Er gehört zu den Menschen, die Liebe zwar auslösen aber nicht halten können.
Ob es auch um den Wert der Ehe ginge, fragte die Interviewerin. Kirchhoff bestätigte dies und meinte "Der Höhepunkt ist die Dauer", der Kern der Ehe sei in der Zeit findbar, nur würde man dies im Moment oft nicht festmachen können. Am Ende könnten aber die verbindenden Umstände überwiegen. Es ginge auch um die Entscheidung, so die Moderatorin, ob man ansprechen solle, was einen bewegt, oder lieber darüber schweige. Der Autor stimmte auch dem zu und sagte, eine Beziehung funktioniere nur dann, "wenn man dem anderen einen Raum zugesteht, der nur ihm gehört", auch wenn das vielleicht auch "ein Meer der Einsamkeit" sei. Man könne außer in sexuellen Momenten den anderen nicht "durchdringen" und müsse ihm Freiraum gewähren.
Die Moderatorin zählte die verschiedenen Arten der Liebe auf, die in seinem Roman thematisiert werden. Die Liebe könne erotisch sein, familiär, ruhig, geistlich oder auch zu einem Tier. Um die geistliche Liebe geht es auch in der Geschichte der Geschichte. Der Liebhaber Vilas schreibt nämlich ein Buch über die Liebe von Franz von Assisi zur heiligen Klara. Franz von Assisi dämme, so Kirchhoff, sein reiches, chaotisches Innenleben, in dem er sich mit etwas Höheres verknüpft. Er hat einerseits das Gefühl, die Welt retten zu müssen, wolle gleichzeitig aber von Klara wahrgenommen werden. Auch Vila fühle sich von ihrem Mann nicht gesehen. Sie ist zwar eigentlich völlig offen, aber über ihre Beziehung redet sie nicht, weil er es nicht begreifen würde. Zeitgleich läuft sie Gefahr, ihre Fernsehsendung zu verlieren. Es geht in dem Roman also auch um die Frage "Wie weit werde ich in einem bestimmten Alter noch wahrgenommen", erörterte Kirchhoff. Er ist der Meinung, Frauen würden über diese Problematik tiefer nachdenken als Männer.
Der Roman spielt hauptsächlich am Gardasee, auf Kuba und Jamaika. Wie würde man das recherchieren und verarbeiten? "Es gab keinen Masterplan", die Geschichte habe sich vielmehr langsam ergeben. Der Schriftsteller sagte, er habe selbst länger in Havanna gelebt und kenne auch Jamaika gut. Wieso er Schauplätze verwende, die ihm bekannt seien, wollte die junge Moderatorin wissen. Für Kirchhoff sei Landschaften erfinden "Fantasy", eine Landschaft sei auch die innere Seelenlandschaft.
Es ist offensichtlich, dass er viel aus seinem eigenen Umfeld verwendet habe. Die nächste Frage war etwas persönlicher. Wieviel aus seiner eigenen Ehe steckt in dem Buch? Bodo Kirchhoff meinte, von den 670 Seiten seien 640 Fiktion, die Landschaften, Orte seien keine Fiktion. Er habe aus seinen persönlichen Erfahrungen von Schmerz und Glück geschöpft, aber keine konkreten Geschichten genommen. Seine Frau habe eine frühe Fassung gelesen und ihn aufgefordert, mehr in den Schmerz eingehen. Wir leben zwar in einem Land ohne Zensur aber man habe eine Verpflichtung, was sich selbst betrifft. "Mein Archiv sind meine eigenen dunklen Seiten", auf diese Ressourcen würde er zurückgreifen. Er zitierte sich selbst aus seinem Schreibkurs: "Schreiben ist Handwerk und eigener Abgrund und das eine ist ohne das andere gar nichts". Das sei die Paradoxie; Disziplin und "schiefe Bahn" miteinander zu verknüpfen. Er selbst halte die Balance seiner schiefen Bahn durch das Schreiben. Wenn er mit einem Buch anfange, wisse Kirchhoff nicht, was am Ende rauskäme oder was er möglicherweise über sich selbst dabei lerne.
Da er gesagt hatte, die frühe Fassung sei seiner Frau nicht radikal genug gewesen, hakte die Moderatorin an dem Punkt nach. Der Autor nannte das Beispiel Abtreibung, führte dann verallgemeinernd aus, dass man zwar glaube, in der Ehe gäbe es einen gemeinsamen Konsens darüber, wie das zu handhaben sei, wen man aber nachhake, merke man oft, dass diese Gemeinsamkeit nur an der Oberfläche sei. Nach einer Abtreibung, auch Jahre später, könne man ein tiefes Gefühl der Versäumnis empfinden und wenn man sich auf dieses Gefühl einlasse, erreiche man schnell seine eigene Schmerzgrenze. Die Mutter im Roman kennt die Situation. Nach der eigenen Abtreibung legten sie und ihr Mann sich ein Hund als Kompensation zu. Die Liebe könne auch verknüpft sein mit ganz einfachen, kleinen Dingen.
Was könne die Liebe denn leisten, wollte die Moderatorin wissen. Die Anwort lautete, man bekäme ein Gespür dafür, dass man nur ein Leben hat. Die Liebe gehöre zu den "großen positiven Risiken unserer Existenz" und wer sich auf dieses Risiko einlasse, der lasse sich auch auf Lebenszeit ein. 
Dann unterhielten sich beide wieder um die Story des Romans. Vila würde in ihrer Affäre ihre Eigenmacht aufgeben, ganz anders als bei Ehemann Renz, so die These der Interviewerin. Wie bei jeder Aussage ihrerseits (war das abgesprochen oder stimmt Kirchhoff erst einmal zu, um dann ausufernd auszuführen?) war auch dieses Mal der Autor der gleichen Meinung. Vila verliebe sich rückhaltlos und gerate dadurch ins Trudeln, während für ihren Liebhaber Bühl dieses absolute Einlassen zuviel des Guten ist. Jede Liebe und jede Reserviertheit der Liebe gegenüber habe eine lange Vorgeschichte, die der andere nicht unbedingt kennt. Beide Ehepartner schaffen sich mit ihren Affären einen temporären Ausweg, auf Dauer gebe es aber zuviele Wünsche, Sehnsüchte, für die man sich vom ursprünglichen Partner trennen müsse, sonst seien die Kräfte irgendwann aufgebraucht (oder man werde schizoid). Wie liebesfähig denn seine Figuren seien, lautete die nächste Frage. Alle wären das auf ihre eigene Weise, antwortete Kirchhoff, der eine vielleicht nur für den Moment, der andere hingegen für immer, dafür mit Abstrichen. Vila will einerseits verschmelzen, sich andererseits aber selbst treu bleiben - ihre Sexualität sei erwachsen, die Liebesvorstellungen aber kindlich.
Die Abschlußfrage lautete, ob "Die Liebe in groben Zügen" denn ein Plädoyer für die Liebe sei. Kirchhoff bejahte dies, es sei ein Plädoyer für die Dauer einer Beziehung aber auch dafür, dem anderen Freiräume zu gewähren. Dies sei nämlich eine Frage des Respekts, schmerzlich zwar, den anderen nicht besitzen zu können, aber damit müsse man leben.
Danach war das Interview eigentlich vorbei, die Zeit auch etwas überzogen. Bodo Kirchhoff liess es sich aber nicht nehmen, aus seinem Roman vorzulesen. Er erklärte, das sei heute sein letzter Termin gewesen, also habe er Zeit. Ob nach ihm noch andere Autoren im Gespräch waren, schien irrelevant. Also wurde sein Mikrophon wieder angeschaltet und er begann, mit starken Gestiken und kraftvoller Stimme eine Stelle zu lesen. Als nach einigen Minuten die Moderatorin ihn dann doch wagte, zu unterbrechen, hielt er sie mit seinem Arm zurück und beendete in aller Seelenruhe den Absatz.
Ingesamt: Große und etwas lehrerhafte Worte von einem Mann, der sich etwas zu gerne selbst reden hört. Aber es war wie gesagt ganz amüsant, Kirchhoffs Rhetorik und Gestik zu beobachten.


Anila Wilms


Simon Beckett


Bodo Kirchhoff


...liest...
...und will auch gar nicht mehr aufhören


Sein Verleger Joachim Unseld in Gespräch mit der Moderatorin

Bärbel Schäfer und Tim Mälzer im ARD-Forum

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

So schaut also Bärbel Schäfer aus. Höre sonntags immer ihren Talk, jetzt hab ich demnächst auch ein Gesicht dazu.