Freitag, 26. Oktober 2012

Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels

Am Mittwoch war der katalanische Erfolgsautor Carlos Ruiz Zafón im Literaturhaus Frankfurt, wo er seine kurze Deutschlandtournee startete. Thema war der Roman "Der Gefangene des Himmels", der am nächsten Tag (also gestern) in Deutschland erschien. Ihn begleiteten Michi Strausfeld, die wichtigste Scoutin Deutschlands für spanischsprachige Literatur, die als Interviewerin und Übersetzerin fungierte und Peter Schröder vom Schauspiel Frankfurt, der mehrere Ausschnitte vorlas.
Auf die Frage, wer aus dem Publikum denn Spanisch könne, hoben sich einige Hände, die aber nichtmal ein Fünftel ausmachten. Zafón las dementsprechend auch nur drei Seiten, die er erstaunlich temperamentlos und leise, dafür aber schnell vortrug, so dass zumindest ich kaum etwas verstand. Bei dem Theaterschauspieler Schröder verhielt sich das glücklicherweise anders, der direkt nach ihm las.
Bei der ersten Runde fragte Strausfeld schmunzelnd, wie denn der Protagonist Fermín Romero de Torres sich mit dem Schriftsteller verstände. Ruiz Zafón entgegenete, "el autor le deja salir cada día unas cuantas horas de su cerebro"/"der Autor lässt ihn jeden Tag für einige Stunden aus seinem Gehirn heraus", solange er nur um zwei Uhr nachts wieder Zuhause sei und nicht verrate, wo er gewesen sei. Dementsprechend würden sie sich gut verstehen. Wieviel von Fermín stecke denn in Ruiz Zafón? Vermutlich viel, so der Schriftsteller, er würde sich ja schon seit Jahren mit ihm beschäftigen.
Dann las Schröder die nächste Sequenz, die im Gefängnis von Montjuïc spielt. Dort trifft Fermín auf David Martín, Protagonist des zweiten Teils "Das Spiel des Engels". Fermín, David, Julián Carax... die Figuren seien wie russische Puppen, alles ginge ineinander über, kommentierte Strausfeld. Carlos Ruiz Zafón erläuterte, er habe keine Serie kreirt, sondern vielmehr ein Labyrinth ohne Ordnung mit vier Eingängen (=die vier Bücher der Saga), die jeweils einen anderen Zugang ermöglichten. Man könne die Bücher aber auch unabhängig voneinander lesen. Es handele sich vielmehr um ein Mosaik, dass sich zusammensetzen würde und mit dem vierten Buch abgeschlossen sei. Es gäbe aber immer viele neue Wendungen, nichts wäre, wie es scheine und von daher die Analogie zu den russischen Puppen. Man bräuche den 4. Band, um den fein gewebten Teppich zu verstehen.
Die nächste Frage bezog sich auf Andreas Corelli. Sei er die Inkarnation des Bösen? Mephisto? Wie stehe Ruiz Zafón zu ihm? Dieser erinnerte sich, dass die Figur das erste Mal in dem Jugendbuch "Der dunkle Wächter" auftauchte. "Es un personaje que me divierte", eine Persönlichkeit, die ihn belustigt, der gefallene Engel, seine Version des Mephistopheles, aber viele Leser würden ihn zu ernst nehmen, er selbst würde ihn mögen. Es mache ihm Spaß, ihn ab und zu zum Vorschein zu bringen, denn der Teufel sei die ergiebigste literarische Gestalt, in den man viele negative Eigenschaften seiner selbst projizieren könne.
Peter Schröder las ein letztes Mal ein Kapitel aus "Der Gefangene des Himmels". Fermín und David haben sich angefreundet und letzterer führt Fermín zum Friedhof der vergessenen Bücher, der in allen Teilen eine Schlüsselfunktion innehat. Was hat Zafón denn zu diesem Friedhof inspiriert? Die Geschichten begännen immer mit einem Bild, das sich im Kopf festsetze, so der Autor. Er habe früher das Gefühl gehabt zu schreiben, was andere wollten, nicht, was er wolle und während seiner Zeit in Los Angeles, einer Stadt ohne wirkliche Vergangenheit, die im starken Kontrast zu Barcelona steht, sei ihm dieses Bild beim Nachdenken über Kultur, Literatur und Identität gekommen. Durch dieses Bild habe sich alles entwickelt, der Friedhof sei das Herzstück seiner Saga. 
Gegen Ende konnte das Publikum Fragen stellen. Die erste lautete, ob es zu Beginn schon eine Grundform gegeben habe oder ob sich die Geschichte nach und nach entwickelt hätte. Da Ruiz Zafón wusste, dass das Schreiben Jahre beanspruchen würde, habe er eine Struktur gehabt, die aber flexibel sei, damit er einige Dinge auch neu entwickeln könne. Die Grundzüge jedoch ständen fest. Danach wurde er zum Ende des zweiten Bandes befragt; sei es denn nötig gewesen, eine Zwischenwelt zu erschaffen? Zafón schmunzelte und meinte, viele Leser habe das Ende erzürnt, dies sei Teil des Berufrisikos. Während der Leser beim "Schatten des Windes" noch an der Hand geführt werde, sei "Das Spiel des Engels" schon viel dunkler und er verstehe das Ende als eine Art Provokation. Vieles, so versicherte er, würde sich schon im dritten Teil auflösen. Die letzte Frage war, ob man Fermín Romero de Torres mit der literarischen Schelmenfigur Lazarillo de Tormes vergleichen könne. "Es un homenaje a la tradición de la novela picaresca española", eine Hommage an die Tradition des pikaresken Erzählen in Spanien, bestätigte der Schriftsteller. Er sei der Vagabund, der Verrückte, der immer die Wahrheit sagt. Er habe viele intertextuelle Referenzen in seinem Werk, offene wie versteckte Anspielungen. Echos anderer Romane. Jeder würde durch seine eigene Leseerfahrung die Bücher anders verstehen.

Dann war die Lesung schon wieder vorbei. Michi Strausfeld hat ganz wunderbar moderiert und auch die langen Erläuterungen von Ruiz Zafón gut übersetzt. Schröder las wirklich klasse, mein persönlicher Kritikpunkt wäre, dass er die Bücher, die sonst einen sehr düsteren Grundton haben, zu humoristisch vorgelesen hat. Es gab mehr Lacher als Gänsehaut aber vielleicht tut es der Serie auch keinen Abbruch, sie unter einem amüsanteren Sichtpunkt zu betrachten.



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