Dienstag, 13. November 2012

MTV EMAs Behind the Scenes



Invasion der Bieberfans


Um es gleich mal vorweg zu nehmen: für die European Music Awards arbeiten hat absolut nichts Glamouröses an sich! Da man solange man selbst noch nicht mitgewirkt hat keine konkrete Vorstellung davon hat, wie die Organisation abläuft, berichte ich mal ein bißchen. Natürlich kann ich nicht in konkrete Details gehen, da, obwohl die Veranstaltung vorbei ist, vieles vertraulich ist. Ich werde euch dennoch einen Einblick liefern.
Die Organisation betreute MTV der britischen Firma iLuka zu, die unter anderem diesen Sommer auch die Olympischen Spiele gemanaget haben. iLuka hatte zwei längliche Container auf dem überdachten Parkplatz, die zu komplett ausgestatteten Büros umfunktioniert wurden. Ich selbst war mit vier weiteren Kollegenen Teil des Teams Limo Dispatch, insgesamt waren für iLuka ungefähr dreißig Personen, die meisten aus England, aktiv. Die vier Tage, die ich dort arbeitete (Donnerstag bis Sonntag, Showday), waren 12-14 Stunden-Schichten für mich. Ich kann mich trotzdem nicht beklagen, die Leute vom Booking Room und anderen Abteilungen schliefen fast gar nicht. Der erste Tag war unspektakulär, wir gingen mehrfach die Route ab, die die Autos fahren sollten, planten die einzelnen Positionen, hängten Schilder auf und verbrachten Stunden mit laminieren. Da hatten zumindest die Limo Dispatcher auch noch Zeit für ausgiebige Lunch- und Dinnerpausen. Das Catering von Eat Your Hearts Out war übrigens ausgezeichnet, es gab mehrere Gerichte zur Auswahl und zusätzlich unzählige Salate, Desserts, Suppen, Käsesorten... wirklich sehr gut! An den anderen Tagen musste man sich beeilen und an Showday gab es im Cointainerbüro Plastikbehälter mit kalt gewordenem Essen.
Die meiste Zeit verbrachte ich am Tor Ost. Via Walkie Talkie sagte ich durch "Izzy to Limo Dispatch, car 083 at the gate... with passengers." oder dergleichen. Weiter oben drehten alle Autos eine Runde im Parkplatz, um ihre Passagiere dann direkt vor der Tür entlassen zu können. Desweiteren standen wir in Kontakt mit den Teams am Flughafen und in den Hotels, damit alle mehr oder weniger informiert waren, welche Artists mit welchen Autos wann abgefahren waren. Das war im Groben die Aufgabe des Limo Dispatches. Nervig wurde es, die Leute ohne Zulassung abzuwimmeln beziehungsweise anzufragen, ob sie einen temporären Pass bekommen könnten. Gerade am Sonntag kamen zahllose Autos, Taxen und Fußgänger, die durch das Gate wollten und mit denen man rumdiskutierte ("Ich hab hier das Team von David Guetta im Auto..." Ist klar.)
Am Freitag war ich abends kurz oben und sah Carly Rae Jepsen und Rita Ora, die ins Auto gelotst wurden. Man muss dazu sagen, dass ich außer No Doubt und Muse keine der Artists kannte und Taylor Swift, Psy, Pitbull und wie sie alle heißen vorher googlen musste. Die Stars zu erkennen wird somit zu einer richtigen Herausforderung. Rita Ora wirkte mit ihrer Pudelmütze ganz nett. Natürlich würdigte sie dem Fußvolk mit MTV-Jacken (uns) keines Blickes, aber im Vergleich zu Carly Rae Jepsen war sie trotzdem ganz normal. Miss Jepsen habe ich persönlich gefressen. Ihr Auftreten war dermaßen arrogant und überheblich, dass ich sie am liebsten von ihren 10 cm High Heels getreten hätte. Lästermäuler wie ich würden sagen, dass sie ihr Gesicht zu einem Blasemund verzog, netter ausgedrückt nennen wir's von mir aus "Duckface" (jetzt hätte ich beinahe "Fuckface" geschrieben): nach vorne gedrückte Lippen, halb offen. Auf Photos wirkt sie übrigens wie das nette Mädchen von nebenan, Pustekuchen. Und das, wo die nette Dame nur ein Lied hat und das auch noch grottenschlecht ist in meinen Augen/Ohren.
Freitag oder Samstag (es verschwimmt etwas in der Erinnerung, huch) hielt ich auch Muse die Tür auf und erkannte sie dann nichtmal! Dabei ist Muse die einzige der dort anwesenden Bands gewesen, von denen ich CDs besitze. Matthew Bellamy ist eigentlich leicht zu erkennen, aber plötzlich liefen zwanzig Leute durch die Tür, da geht der kleine Sänger schnell in der Masse unter. Nur Dominic Howard kam mir bekannt vor.
Samstag war ich am Anfang auch oben beim Eingang. Wir hatten alle übrigens Zeitpläne bekommen, auf denen stand, welcher Star, welche Crew oder wer auch immer von welchem Hotel in welcher Limo und wieviel Uhr an der Festhalle wäre oder diese verließe. Dass diese Pläne augenblicklich passé waren und alles sowieso anders lief, muss ich glaube ich nicht extra erwähnen.
Von der Ferne sah ich Heidi Klum, die inzwischen wohl Madonna-Status hat und in unseren Plänen nur als "Heidi" ohne Nachnamen geführt wurde, mit Pferdeschwanz und Glitzeroutfit aus ihrem Auto steigen und auf No Doubt hatte ich dann einen besseren Blick, da die beim Artist Check-In länger standen. Gwen Stefani in schwarz-weißem Mantel und mit kniehohen Lederstiefeln hatte eine sehr elegante Ausstrahlung und wirkte auf mich sofort sympathisch.

Der spannendste Tag war dann natürlich der Sonntag. Während am Tag davor schon ein paar tapfere Mädels am Gate standen (inklusive Plakate wie "Taylor - we are redy to hug you" samt Schreibfehler), nahm es am Sonntag doch etwas überhand. Ich kann es nur oft genug betonen, nichts macht einem mehr Angst als eine Horde 13jähriger Bieberfans. Und davon waren einige da, "Justin - BIEBER!" skandierend. Hin und wieder trauten sie sich vereinzelt nachzufragen, ob Justin denn schon da wäre und wo man ihn sehen konnte. Meine gut gemeinten Aussagen, Justin Bieber wäre nicht auf meiner Liste und würde dementsprechend nicht kommen, entgegegneten sie: Nein, er ist Überraschungsgast/Sein Manager ist hier (scheinbar der gleiche wie bei Carly Rae Jepsen, was übrigens seine Anwesenheit erklären würde)/er wäre im Hilton Hotel gesichtet worden. Seine Abwesenheit hin oder her, an der Schranke konnte man nichts sehen. Die MTV-Autos wurden durchgewunken und hatten alle getönte Scheiben. Trotzdem harrten die Kiddies hoffnungsfroh stundenlang in der Kälte aus, um irgendwen sehen zu können. Psy hatte sein Fenster unten und ein freundlich winkender David Hasselhoff (bei uns gelistet als "The Hoff") das Licht an, das war's. Auch ich war nicht ganz gefeiht vor der Aufregung und tätigte Aussagen wie "Limo dispatch, car 052 is... Oh my god, it's David Hasselhoff!!!!"
Meine Lieblingsanekdote gebührt aber einem anderer Star. Eine blonde Frau stieg aus dem Taxi an der Schranke und ich war genervt darüber, schon wieder irgendwelche Leute abwimmeln zu müssen. Sie sagte freundlich "Hi!" zu mir, weil ich keinen Meter von ihr entfernt war. Ich selbst starrte in diesen übertriebenen Ausschnitt, dachte mir nur "Was für eine Schlampe, denkt die, sie kommt so eher rein?" und drehte mich weg, damit sich mein Kollege oder die Securityjungs um das Wegschicken kümmerten. Einer meiner Chefs war gerade zufällig (oder wenn ich es mir recht überlege, vielleicht doch nicht ganz so zufällig) mit seinem Golf Buggy an der Pforte und nahm sie mit. Alle anderen riefen aufgeregt: "Das war Sonya Kraus!!!" Ups.
Ab 21 Uhr war ein Großteil der Autos geparkt, da dann die Show begann. Wir draußen versuchten derweil, die Autos zu sortieren. Heidi Klum, Ludacris, Muse, No Doubt, Alicia Keys, Muse und Pitbull hatten "designated cars", also feste Autos. Diese parkten wir in Grüppchen vor dem Eingang, um die Celebs so schnell wie möglich dorthin begleiten zu können. Die anderen Autos waren in der überdachten Großgarage und würden dann nach Bedarf nach vorne gerufen werden. Die New Yorker Band Fun. mit Crew brauchten sofort Autos, da während ihrem Auftritt wohl einer von der Bühne gefallen war. Wer die eigentliche Band war, erkannte ich auch hier nicht. Sonst war die Stunde rund um Showende am stressigsten. Ich begleitete Pitbull und einige seiner Crew zu seinen Autos. Sie nahmen zwei und ließen zwei zurück für die restliche Band. Dumm nur, dass später noch weitere Leute von Pitbull ein Auto wollten und entsprechend genervt waren, dass diese Information von Talent Operations (die sich direkt um die Stars kümmerten) nicht zu uns gedrungen war und sie warten mussten. Ludacris ging auch direkt nach Showende und Taylor Swifts Managerin kackte mich aufgeregt an, warum sie nur drei statt sieben Vans hätten. Kim Kardashian stieg in absolut lächerlichem Outfit in ihre S-Klasse und Lana del Rey lief offensichtlich an mir vorbei, ohne dass ich sie erkannte (mal wieder). 
Gegen 23:30 ging ich rein und stellte mich an das obere Ende der Rolltreppe, um meinem Team durchgeben zu können, wer gerade die Show verließ. Manche Bands wurden von Talent Operation-Mitarbeitern begleitet, die mir den Namen sagten, andere musste ich fragen, erraten oder schweigen. The Hoff verließ in knallpinkem Hemd den Backstagebereich, direkt gefolgt von Rita Ora mit Band. The Killers kamen mir rockstarmäßig vor, aber ich schämte mich dann doch, sie direkt zu fragen "Who are you by the way?!", also ließ ich es. Geordie Shore, die britische Version von Jersey Shore, bestand aus einer Reihe Frauen, die wie häßliche Prosituierte oder Transvestiten aussahen. Als ein großer Pulk Richtung Rolltreppe ging, fragte ich leise eine der Frauen "Which band are you with?" und erntete dafür einen Todesblick. Kurz hinter ihr war Taylor Swift (die ich halb erkannte) und sagte nett "Hi" zu mir. Psy erkannte ich inzwischen, Isabeli Fontana in grauenhaftem Lederoutfit nicht. Meine beste Freundin, Carly Rae Jepsen, warf mir ein unglaublich falsches Lächeln zu, als sie hörte, dass ich ihren Namen durchsagte. Gwen Stefani verließ kurz vor den restlichen Bandmitgliedern die Festhalle, die sich bei mir bedankten. Auch Matthew Bellamy, dieses Mal deutlich erkennbar, ging einige Minuten vor den anderen beiden Muse-Leuten. Er starrte auf sein Handy und wirkte noch lauchiger (Achtung: typischer Frankfurter Ausdruck für einen komischen Kauz), als ich erwartet hätte. Danach kamen nur noch vereinzelt Leute wie der britische Moderator Tim Kash, der sehr freundlich war, Alan Carr, den ich auch nicht erkannte oder Heidi Klum, die mit mehreren Leuten gleichzeitig von mir ungesehen entschwand. Madeon, ein 18jähriger Electropop und House-Producer aus Frankreich, scherzte mit mir und meinte "Oooh, you missed the part where Heidi Klum's hair caught on fire", wer die Jonas Brothers waren habe ich keine Ahnung und ein paar Models von Victoria Secret liefen auch noch rum. Die eine aß doch wirklich Chips, sympathisch.

Das waren die EMAs aus meiner Sicht. Man sieht zwar schon ein paar der Stars, aber so spannend war das alles halt doch nicht. Ich habe gelernt, Frauen nicht mehr in den Ausschnitt, sondern in das Gesicht zu gucken (ha!), dass Carly Rae Jepsen zum Kotzen ist und dass dafür Stars, die schon lange im Showbiz sind wie beispielsweise No Doubt, viel mehr Klasse haben. Sonst waren es lange, kalte Stunden teilweise im Regen rumstehen und monoton Nummern durchgeben. Ich habe auch immer noch das Gefühl, das Headset klebe mir am Ohr. Mein Team war jedoch wirklich großartig. Trotz der vielen Stunden, die alle dort verbrachten und der wenigen Stunden, die alle schliefen, verlor niemand sein Humor und seine gute Laune. Insgesamt eine gute Erfahrung!

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