Dienstag, 20. August 2013

Ulrike Edschmid - Das Verschwinden des Philip S.

1975 starb Werner Philip Sauber, Mitglied der Bewegung 2. Juni, einer Art Schwesternorganisation der RAF, bei einem Schusswechsel. Knapp vierzig Jahre später erinnert die Schriftstellerin Ulrike Edschmid, die über Jahre hinweg seine Partnerin war, an sein Leben.
Mit gerade mal zwanzig Jahren verschlug es Philip S., wie er in ihrem Buch genannt wird, nach Berlin. Er traf auf eine bedingt durch den Tod Benno Ohnesorgs politisch aufgeheizte Stadt, in der es nicht lange dauerte, bis sich die ersten linken (zumeist) Studenten begannen, zu radikalisieren. Philip S. hingegen brauchte viele Jahre, um an den Punkt zu kommen, an dem er Mitte der 1970er Jahre politisch stand. Eigentlich war er mit seiner künstlerischen Ader mehr am Filme machen interessiert und plädierte auch während seiner Radikalisierung für friedlichere Lösungen, als politisierte Weggefährten im Sinne hatten.
Ulrike Edschmid lernte Philip S. durch einen Zufall kennen. Schnell ziehen sie und ihr Kind mit dem jüngeren Mann zusammen. Mit erst kurzen, abgehackten Sätzen, später aber immer flüssiger, weiß die Schriftstellerin ihre Leser in Bann zu ziehen. Dabei verzichtet sie auf sämtliche Schnörkel, auf große Gedankenspielereien oder Analysen und lässt einfach ihre Geschichte für sich sprechen. Schon lange vor seinem Tod ist die tiefe Liebe der beiden verloren, entfremdet nicht durch unterschiedliche politische Einstellungen, sondern durch ihr Fehlen von Aktionismus und seine Unfähigkeit, in der Gesellschaft der 1970er weiter zu leben.
Der Rezipient sollte ein gewisses Maß an Hintergundwissen besitzen, um genauer nachvollziehen zu können, um welche historischen Persönlichkeiten es sich handelt. Aber auch ohne diese Informationen kann man das Buch einfach als fiktionalen Roman genießen.
Edschmid bleibt nicht wirklich neutral, heroisiert aber auch keinen der linken Attentäter. Nur gegen Ende schlägt sie sich auf die Seite ihrer Liebe, die sie offenkundig niemals verarbeiten konnte. Sie betont zwar, dass niemand weiß, wer wen zuerst erschoss - Philip S. den Polizisten oder der Polizist Philip S. - stellt aber dennoch in ihrer Version die Handlung ihres ehemaligen Lebensgefährten als Notwehr dar.

Auf wenigen Seiten beschreibt Edschmid in ihrer klaren Sprache Philip S.‘ Werdegang, der möglicherweise durch sein im Vergleich zu anderen Terroristen seiner Zeit passives Verhalten eher nachvollziehbar ist, als die Radikalisierung er meisten RAFler. Es ist ein autobiographischer Roman, der von Liebe und ihrem Verlust erzählt, von Tod und Überleben.


Edschmid, Ulrike - Das Verschwinden des Philip S.
Suhrkamp, 2013

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