Freitag, 11. Oktober 2013

Lesung von Anja Röhl

Eine eindringliche Lesung lieferte Anja Röhl im Infoladen des ExZesses vor ungefähr 50 Besuchern ab. In klarer und deutlicher Stimme las sie insgesamt 80 Minuten lang (!) aus ihrem Roman über ihre Kindheit mit Klaus Rainer Röhl und Ulrike Meinhof vor. Ihr Stil ist ein sehr mittelbarer, da sie auf Reflektionen aus heutiger Sicht verzichtet und mit den häufigen Formulierungen "das Kind/das Mädchen/die junge Frau" (je nach Lebensabschnitt) den Leser direkt in ihre damalige Gefühlswelt einführt. Dabei beschreibt sie nicht nur Röhl als harten und anzüglichen Vater und Meinhof als einzige Erwachsene in ihrer Kindheit, die sie ernst genommen hatte, sondern auch anschaulich die grausamen Erziehungsmethoden Zuhause sowie in Heimen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Meinhof selbst wird als Vorbild beschrieben, als liebevolle Frau, die sich um das kleine Mädchen kümmert. Passagen, in denen sie von ihrem Vater Züchtigung erhält, liest sie ebenso vor. Bei Röhl klingt der Werdegang Meinhofs von einer linken Journalistin zum Mitglied erster Stunde der RAF fast logisch. Da Anja Röhl so lange vorliest und Passagen aus allen Zeitabschnitten wählt und auch das Ende nicht ausspart, hat man als Zuhörer sehr stark den Eindruck, dass es ihr beim Verfassen und Veröffentlichen von "Die Frau meines Vaters" nicht um Geld ging, sondern sie vielmehr das öffentliche Bild Meinhofs als eiskalte Terroristin ins rechte Licht rücken und sie als überaus fürsorgliche und freundliche Privatperson darstellen wollte.

Nach ihrer Lesung herrschte erst einmal fast betroffenes Schweigen, bis geklatscht wurde. Die nach einer Zigarettenpause anschließenden Fragen wurden von Röhl klar und ausführlich beantwortet. Sie habe nach vielen Gesprächen mit ihren Schwestern und Anwälten zahlreiche Stellen, die private Angelegenheiten ihrer Schwestern beträfen, gestrichen. Die verbliebenen fünf Seiten, die im ganzen Buch (übrigens schon verfasst zwischen den Jahren 2003 und 2006!) verteilt sind, mussten auch geschwärzt werden. Diese hat sie absichtlich im Roman gelassen. Zu Bettina Röhl, die selbst in der Öffentlichkeit steht und Anja Röhls Aussage nach politisch sehr rechts sei, habe sie bereits seit Mitte der 1990er kein gutes Verhältnis mehr, mit Bettinas Zwillingsschwester Regine, die die Öffentlichkeit meidet, sei der Bruch aufgrund des Buches erstanden. 
Anja Röhl ist davon überzeugt, dass der Tod Meinhofs kein Selbstmord war. Sie verglich sie mit Rosa Luxemburg und Mumia Abu Jamal und sagte, Ulrike Meinhof wäre sich gar nicht bewusst darüber gewesen, welche politische Brisanz ihre Kolumne in der "konkret" gehabt hätten.
Klaus Rainer Röhl habe einen so "inneren, verdorbenen Charakter" vor allem durch seine Kindheit während des Nazi-Regimes bekommen. Sie habe ihre Eltern nach dem Entdecken soziologischer Essays von Erika Mann, in denen damalige Erziehungsmaßnahmen in Kindergärten und Grundschulen analysiert werden, erst verstanden. Den Rechtsruck, den ihr Vater, einst Herausgeber der linken Zeitschrift "konkret", später im rechten Flügel der FDP engagiert, gemacht hatte, würde sie nicht verwundern. Diese Züge hätte man schon früh an ihm erkannt.

Alles in allem war das eine erstaunlich lange und wirklich interessante Lesung. Anja Röhl wirkt wie eine sehr intellektuelle und freundliche Frau, die lieber duzt und unkonventionell ist und deren Hauptanliegen es war, die einzig positive Vorbildsperson ihrer Kindheit, Ulrike Meinhof, zu entdämonisieren.






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