Dienstag, 26. August 2014

Was ich las


Jonathan Franzen - Freiheit

Ich verneige mich vor dem Meister. Ich kann gar nicht sagen, ob "Die Korrekturen" oder "Freiheit" besser ist, beide Romane sind wirklich genial. "Character is plot", sagte mein geliebter F. Scott Fitzgerald einst und keiner weiß besser als Franzen, seinen Protagonisten Leben einzuhauchen. Und alle sind sie zutiefst verkorkst, aber trotzdem von einer Art eigenen Moral angetrieben. Da wäre Patty, die sich in jungen Jahren für den bodenständigen Walter Berglund und gegen seinen besten Freund, den Rockstar Richard, entscheidet. Patty wirkt auf ihre Nachbarschaft wie eine zurückgezogene, aber brave Hausfrau, aber diese Fassade bekommt schnell tiefe Risse. Ihr Ehemann unterdessen, der sich schon immer für die Umwelt eingesetzt hat, wird immer radikaler: Er will die Überbevölkerung bekämpfen, damit nicht sämtliche Ressourcen verbraucht und die Natur ausgebeutet werden. Dabei übersieht er aber, dass die Überbevölkerung weniger dem Nachwuchs anstatt der Überalterung der Gesellschaften geschuldet ist. Richard unterdessen bringt die Ehe der beiden ins Wanken. Und Joey, der Sohn der Berglunds, wächst zu einem konservativen Knacker heran und entwickelt sich zum klaren Gegenteil seines Vaters.
"Freiheit" ist ein großartiger Gesellschaftsroman, der seine Charaktere samt Entwicklungen und vor allem Fehltritten über Jahrzehnte hinweg begleitet. Einzig die letzten hundert Seiten, die aus der Geschichte "ein rundes Ding" machen, hätten etwas kürzer ausfallen können. Nichtsdestotrotz ist das ein wirklich lesenswerter Roman, der detailgetrau seine Protagonisten schildert und dabei nie langweilig wird.
5/5


Karine Tuil - Die Gierigen

Samir, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt, Samuel, der erfährt, dass er adoptiert wurde, und Nina, Samuels Freundin, wachsen miteinander auf. Als Samuels Eltern sterben und er sich um die Beerdigung in Israel kümmern muss, beginnen Nina und Samir eine heimliche Affäre miteinander. Trotzdem entscheidet sich Nina für Samuel. Zwanzig Jahre später wohnen Nina und Samuel in Armut in einem Pariser Vorort, während Samir als Sam in die High Society New Yorks aufgestiegen ist. Doch Sams Erfolg steht auf wackeligen Beinen: Er hat sich Samuels Vergangenheit bedient, um eine falsche Identität aufzubauen. Als sich die drei wiedersehen, verlieben sich Samir und Nina erneut ineinander.
Karine Tuil ist ein recht spannender Gesellschaftsroman gelungen, der zwischen New York und Paris spielt. Ein großer Wermutstropfen ist, dass sowohl Samir als auch Samuel eine eigene Geschichte und Persönlichkeit haben, während Nina knapp 500 Seiten lang immer nur das "Anhängsel von" ist. Davon abgesehen ist "Die Gierigen" ein spannender Roman über Intrigen, Lügen, Liebe und Fremdenfeindlichkeit.
4/5


Meg Wolitzer - Die Interessanten

Und noch ein Gesellschaftsroman, der mehrere Jahrzehnte umfasst: In einem Camp für kreative Jugendliche lernen sich Jules, Ashley, Goodman, Ethan, Jonah und Cathy kennen. In versuchter Selbstironie nennen sie sich "Die Interessanten", aber wenn sie ehrlich sind, dann finden sie sich auch ganz schön interessant. Als Cathy Goodman der versuchten Vergewaltigung anklagt, zerbricht die Gruppe. Und als Erwachsene müssen sie feststellen, dass Talent nicht gleich Talent ist und dass wahres Talent noch lange nicht auch zu wahrem Erfolg verhilft.
"Die Interessanten" ist ein interessanter und gut lesbarer Roman. Das Zitat aus der New York Times auf dem Umschlag, das Buch würde sich zwischen Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides positionieren, kann ich nicht gänzlich unterstützen. Vor allem die heimliche Hauptperson Jules ist in ihrer Unreife und dem ewigen Neid auf ihre beste Freundin Ashley bis ins hohe Alter recht nervig. Nun macht einen guten Roman natürlich nicht aus, sympathische, sondern vielmehr realistische Charaktere zu zeichnen, trotzdem ist Jules stellenweise zu anstregend. Wer darüber hinwegsehen kann, dem empfehle ich "Die Interessanten" aber wärmstens.
4/5


Jonathan Lethem - Motherless Brooklyn

Ich gebe zu, ich habe ein Faible für Romane, die in New York spielen. "Motherless Brooklyn" allerdings gehört nicht in meine Bestenliste. Ein Kleinganove holt sich vier Jugendliche aus dem Waisenhaus, die ein bisschen Drecksarbeit für ihn erledigen sollen. Zwanzig Jahre später sind die vier immer noch seine hörigen Untertanen, bis ihr großes Idol plötzlich umgebracht wird. Und schwuppdiwupps arbeiten die vier gegeneinander, obwohl doch alle herausfinden möchten, wer hinter dem Mord steht. Der Roman wird in Ich-Perspektive von Lionel, dem wohl Intelligentesten der Jungs, erzählt. Lionel leidet am Tourette-Syndrom (warum nicht mal einen Protagonisten mit Tourette beschreiben?), was im Buch einerseits zu einigen witzigen Szenen führt, oft aber auch etwas anstrengend zu lesen ist. Auch der ganze Plot um den Mord ist nur semi-interessant. Und somit ist "Motherless Brooklyn" vollkommen okay, muss man aber nicht gelesen haben.
2/5


J.M. Coetzee - Youth

Der kurze Roman des südafrikanischen Schriftstellers handelt von einem jungen Studenten, der Anfang der 1960er in Südafrika lebt. Eigentlich möchte er Literat werden, also beschließt er, nach London zu gehen, um dort Inspiration zu finden. Schnell aber kommt er unter die Räder: Er versackt bei einer Computerfirma und arbeitet nur noch, um zu überleben.
Mein Urteil fällt hier ähnlich wie bei Jonathan Lethem aus: Kann man lesen, aber wer's nicht tut, verpasst auch nicht groß was. Der Protagonist ist ein unsympathischer Ignorant, den die Rassenunruhen in seinem Land kalt lassen und der aus einer verqueren Idee und nicht aus innerem Antrieb Künstler werden möchte. 
Das Interessanteste ist der Schluß, als plötzlich eine Art von Reflektion einsetzt: "Now he is not a poet, not a writer, not an artist. He is [...] a twenty-four-year-old computer programmer in a world in which there are no thirty-year-old computer programmers." Sein Arbeitskollege, Ganapathy, verhungert, da er nicht weiß, wie er sich Essen zubereiten soll (äääh??) und so endet der Roman mit den Sätzen: "One of these days the ambulance men will call at Ganapathy's flat and bring him out on a stretcher with a sheet over his face. When they have fetched Ganapathy they might as well come and fetch him, too."
2/5


Haruki Murakami - Naokos Lächeln

Ich persönlich habe bis dato noch nie etwas von Murakami gelesen und war jetzt mal neugierig, wie Romane des so beliebten japanischen Schriftstellers wohl sind. In "Naokos Lächeln" geht es um Toru, der in den sechziger Jahren in Tokyo studiert, aber genau wie J.M. Coetzees Held kein Interesse an der Politik oder der Gesellschaft zeigt. Er ist einerseits ewig verliebt in die schweigsame Naoko, die in eine Art Hippie-Klapse für Gutbetuchte abtaucht und lernt dann Midori kennen, die ihn aus seiner Lethargie reisst.
Sagen wir's so: Ich würde erneut einen Roman von Murakami in die Hand nehmen, so ganz überzeugt hat mich dieser aber nicht. Es liegt an dem Stil, der sehr direkt die Ereignisse erzählt, sich aber keine Zeit für Reflektionen nimmt. Und so wirklich fesselnd war die Geschichte auch nicht. Wer eine freundliche Sonntagnachmittaglektüre, eine hübsche Liebesgeschichte sucht, sollte zu einem anderen Roman greifen, denn stolze vier Suizide gibt es in "Naokos Lächeln", alle mehr oder weniger ohne erkennbaren Grund.
3/5

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